Untergang genießen
Ein kurioses Ballett: Haie tanzen galant und leichtfüßig zur Musik von Chopin. Die Passagiere an Bord der «Medusa» dagegen tanzen lustvoll zu den 100 Schlägen, die einen Matrosen töten werden, der gefoltert wird, weil er einer Adeligen zu viel geflucht hatte. Na dann, gute Unterhaltung! In Christian Weises Mannheimer Bühnenversion von Franzobels Roman «Das Floß der Medusa» von 2017 haben die vermeintlichen Raubfische eben mehr Kultur als die ach so kultivierten Europäer:innen.
Das Schiff als solches ist ohnehin ein treffliches Bild für Untergangsszenarien.
Das assoziiert sich schnell: Titanic 1912, Wilhelm Gustloff 1945, Doña Paz 1987, Estonia 1994, Costa Concordia 2012. Oftmals wurden die Katastrophen durch die Unfähigkeit, Arroganz und Besoffenheit des Kapitäns verursacht. Kein Wunder also, dass auch der Schiffbruch der französischen Marine-Fregatte Medusa, die 1816 auf ihrer Fahrt in die französische Kolonie Senegal havarierte, von vielen Zeitgenossen als Bild für das französische Staatsschiff interpretiert wurde, als «allégorie réelle» fürs nach-revolutionäre Frankreich.
Am Schicksal der Medusa lasse sich die «Verkleinerung und Konkretisierung einer ganzen Welt, in der wir ...
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Theater heute Februar 2022
Rubrik: Aufführungen, Seite 24
von Verena Großkreutz
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