Die Lücken der Wahrnehmung

Yael Ronen im Gespräch über ihr gemeinsam mit Shlomi Shaban, Riah May Knight und Itai Reicher verfasstes Beinahe-Musical «Slippery Slope» (der Stückabdruck liegt diesem Heft bei)

Theater heute

Theater heute «Slippery Slope« nennt sich «almost a musical», fast ein Musical. Warum fast? 
Yael Ronen Wir haben lange überlegt, wie wir diese Show nennen sollen, was für ein Genre das eigentlich ist. Wir wollten es erst nicht Musical nennen, weil wir dachten, das weckt beim Publikum falsche Erwartungen, was ein Musical sein soll. Andererseits ist «Slippery Slope» eindeutig ein Musical, und das wollten wir auch klar machen. Und in einer Probe kam dann – fast als Scherz – die Bezeichnung «almost a musical». Dabei ist es dann geblieben.

Wir haben das als Untertitel behalten, weil es genau das ist: ein Musical, aber mit einem leichten Dreh. 

TH Wie macht man ein Musical? Das weicht doch von der üblichen Stückentwicklung etwas ab. Womit fängt man an, mit der Handlung, dem Plot, der Musik, den Songs? Shlomi Shaban, der Komponist und Musiker, sagte letztes Jahr in einem Interview zu Probenbeginn: «Songs schreiben für ein Stück, das es noch gar nicht gibt, ist eine echte Herausforderung.» Aber irgendwie muss es doch funktioniert haben. 
Ronen In diesem Fall haben wir mit dem Titel angefangen. Wir hatten zu Beginn ein völlig anderes Konzept, was daraus werden soll. Wir hatten zunächst so eine Idee von einem politisch-satirischen Kabarett. Dann kamen wir an einen Punkt mit Shlomi, an dem wir auch tatsächlich eine Geschichte erzählen wollten mit erkennbaren Figuren und einer nachvollziebaren Handlung. Der Schlusssong war dann unser Anfang. Er ist aus einem ersten Treffen mit den Schauspieler:innen entstanden, und es gab auch noch einen anderen Text bis auf den Titel «Believe in me», «Glaub an mich». Erst sollte es auch eine irgendwie biblische Geschichte werden mit Bezügen zur Sintflut. Aber dann hat sich gerade aus Gesprächen zwischen Shlomi und mir ergeben – wir sind im gleichen Alter, waren auf der gleichen Schule und haben über unsere Midlife-Krisen geredet: Was heißt es, Künstler zu sein, 45 zu werden? –, dass die Figuren aus der Kunstszene kommen, aus der Musikszene. Daraus hat sich dann ein Handlungsfaden entwickelt mit vielen Wendungen. Also erst hatten wir die Figuren, dann eine Storyline und schließlich haben wir überlegt, was über Songs erzählt werden sollte und was über Dialoge oder monologisch. So haben wir uns Schritt für Schritt vorangearbeitet und vieles auch wieder geändert. Zum Beispiel mit einem Textteil angefangen, dann entschieden, dass es vielleicht besser als Song funktioniert. So war mehr oder weniger unser Vorgehen. 

TH «Slippery Slope» ist ein dichter Komplex aus Cancel Culture, #Me-Too-Vorwürfen, Machtmissbrauchsfällen, echten und unechten Gefühlen, die von den Beteiligten dann wieder jeweils anders bewertet werden – und es steckt voller überraschender Wendungen, indem das, was in der einen Szene richtig erscheint, in der nächsten Szene wieder völlig über den Haufen geworfen wird. Gibt es denn im Zusammenhang mit solchen Vorwürfen keine einfachen Wahrheiten? Spielt die Kategorie Wahrheit da überhaupt noch eine Rolle? Oder ist Wahrheit in diesen Kontexten nur wieder eine andere Erzählstrategie? 
Ronen Kann es in diesen Dingen einfache Wahrheiten geben? Für mich ist eine der Schönheiten des Konzepts Wahrheit, dass Wahrheit eben nicht notwendigerweise einfach ist. Das heißt nicht, dass Wahrheit nichts anderes wäre als nur noch eine weitere Erzählung, aber auf jeden Fall hat Wahrheit verschiedene Schichten. Es ist ein Raum aus verschiedenen Perspektiven. Und ich glaube, was wir gerade in diesen Zeiten wollen, ist in allem eine klare Polarität, klare Gegensätze erkennen. Klares Ja, klares Nein, klares Gut, klares Schlecht. Täter:innen, Opfer, Retter:innen, Held:innen. Und was wir mit «Slippery Slope» versuchen, ist ein tieferer Blick auf dieses Dreieck Retter:innen, Täter:innen und Opfer. Um die verschiedenen verdeckten Schichten dazwischen, und, ja, die Komplexität einer Geschichte zu erfassen. 

TH «Slippery Slope» macht Spaß. Identitätspolitik und alles, was damit zusammenhängt, ist üblicherweise eine sehr ernste Sache – und kann doch tiefe Wunden, zerstörte Karrieren und alle Arten von Missverständnissen hinterlassen. Ist Humor ein möglicher Ausweg?
Ronen Humor ist für mich ein wichtiges Instrument im Werkzeugkasten. Gerade wenn es um todernste Dinge geht. Humor öffnet den Blickwinkel und erlaubt neue, erfrischende Perspektiven auf Zusammenhänge. Um sich daran zu erinnern, was ein guter Ort im Universum für uns sein könnte. In diesem Sinn trägt Humor eine Menge Wahrheit in sich. 

TH In «Slippery Slope» gibt es keine unschuldigen Positionen. Entspricht das Ihren Erfahrungen im Theater? Denkt jeder nur an seine Karriere, so dass man jeder und jedem, der oder die sich beschwert, eine Strategie unterstellen muss? 
Ronen Ich würde nicht sagen, dass es keine unschuldigen Positionen gibt, aber ich würde behaupten, dass es nicht eine einzige Position ohne einen blinden Fleck gibt. Das ist die frustrierende Konsequenz aus den verschiedenen Schichten der Wahrheit. Es gibt immer einen Punkt, der aus dem Blick gerät, es gibt immer Teile im Bild, die nicht vollständig sind, und gerade, was Leute über sich selbst denken, ist der allergrößte blinde Fleck. Das Scheitern oder Versagen von Figuren hängt meistens damit zusammen, wie sie sich selbst sehen und erfahren und wie die anderen sie sehen. Die Lücke zwischen ihrer eigenen Sicht auf sich und die der anderen. 

TH Zu der Zeit, als Sie «Slippery Slope» am Gorki Theater probiert haben, wurde das Haus von Machtmissbrauchsvorwürfen gegen die Intendantin  Shermin Langhoff schwer erschüttert. Hat das Ihr Stück beeinflusst? 
Ronen Wir haben die letzte Version unseres Stücks genau nach der Veröffentlichung dieser Vorwürfe entwickelt. Deshalb hatten diese Ereignisse natürlich einen großen Einfluss auf unsere Arbeit. Auch wenn es nicht die einzige Quelle unserer Bezüge und Inspirationen war, war es auf jeden Fall am nächsten dran.

Die Fragen stellten Eva Behrendt und Franz Wille.


Theater heute Februar 2022
Rubrik: Das Stück, Seite 36
von Eva Behrendt und Franz Wille

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