Unter dünnem Eis
Weiß wie Kunstschnee, rot wie Theaterblut, schwarz wie die Black-Metal-Kluft – ein kaltes Märchen bringt die junge französische Regisseurin, bildende Künstlerin und Puppenmacherin Gisèle Vienne mit zum Berliner Festival «Tanz im August». In Frankreich ist die 31-Jährige gut im Geschäft, 2005 war sie mit zwei Produktionen nach Avignon eingeladen. Hier wird sie als Shooting-Star verkauft.
Auf der Bühne fedrige Flocken, von der Windmaschine böig verweht.
Ein Steinkreis und ein Sarg, Boxen und Bierkästen als Requisiten: «Thank you for coming to this memorial concert», flüstert eine Tonbandstimme, und der Junge, der seinen Freund verloren hat, lässt an der Rampe Kunsttränen im Scheinwerferlicht glitzern. Über 70 Minuten bewegt sich außer beständig rieselndem Schnee beinahe nichts. Der Geist des Toten wankt rastlos über die Bühne, die Handflächen hilflos und unschuldig zum Publikum gereckt. Eine in Zeitlupe zerdehnte Rockstarekstase krümmt den Körper der stummen Sängerin in taubem Schmerz. Die Musiker von KTL unterlegen die frostigen Bilder mit verzerrten Gitarrensounds und elektronischem Soundgeflacker, vage orientiert an der Fünferstruktur von Mahlers Liedzyklus. Trotz rasend ...
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