Unten und oben
Es gibt sie noch, die Arbeiterklasse. Maria etwa: eine reizende Provinzprolette, die selbstbewusst an den ihr schüchtern hinterherpfeifenden Hafenarbeitern vorbeistolziert, die voller Empathie auf ihre Mitmenschen einzugehen weiß, die schwanger ist, ohne zu wissen (oder ohne es zu verraten) von wem, die einen Verehrer freundlich, aber bestimmt abzuweisen versteht. Ob sie einen Vater für ihr Kind brauche, fragt der sie nach dem Sex: «Die Leute sagen, was ihnen fehlt, ist, jemand zu haben, mit dem sie die schönen Momente teilen.
Die, wenn sie lächeln oder kichern oder in den verrücktesten Farben kacken. Das könnte ich übernehmen.» Und Maria: «Ich komme zurecht, danke.» Maria, die Titelheldin aus Simon Stephens’ jüngstem Kitchen-Sink-Drama, ist eine Figur, wie man sie auch aus dem britischen Kino der neunziger Jahre kennt: vom Schicksal gebeutelt, aber dennoch zukunftsfroh, unterprivilegiert, aber intelligent, hart, aber herzensgut.
In Sebastian Nüblings Uraufführung am Hamburger Thalia ist Maria vor allem: Lisa Hagmeister. Die ist im Thalia-Ensemble die Idealbesetzung für angeschrägte, am Abgrund balancierende Proletarierinnen, zumal sie trotz ihrer 39 Jahre immer noch wirkt, als ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute März 2019
Rubrik: Aufführungen, Seite 20
von Falk Schreiber
Vermutlich wäre er heute ein pickeliger Gamer, der seine Heldentaten bei «World of Warcraft» filmt, kommentiert und auf YouTube hochlädt. Auch Troll- und Piraten-FunPics auf Snapchat und Instagram könnten ihm bei der Verbreitung seiner fantastischen Hochstapler-Storys helfen. Keine Frage: Das Hobby des jungen Peer Gynt, sich eine aufregendere Identität auszumalen...
Naturgesetze sind nicht unüberprüft hinnehmbar, da hat Ruedi Häusermann Recht. Wo stünden wir schon, hätte die Menschheit dem Schein des Faktischen immer blind vertraut? Die Finsternis zum Beispiel, wie sie in der Zürcher Schiffbau-Box herrscht, sobald die Technik das Licht ausdreht, besitzt die Eigenschaft, dass man nichts sieht und dennoch gut hört. Das Phänomen...
Es ist ein Jammer, dass bewundernswerte Bühnendarsteller und -darstellerinnen mit zunehmendem Alter keine nennenswerten Aufgaben im Theater mehr übernehmen oder erhalten, um dann eine unerwartete Popularität mit Fernsehserienkitschrollen zu erleben – wie etwa Christiane Hörbiger oder Ulrich Pleitgen. Und so endete die Karriere der zu DDR-Zeiten gefeierten und jetzt...
