Ungeheuer ist viel

Die Welt der Puppen ist aus den Fugen: Mit Nettigkeiten will das Figurentheater nichts mehr zu tun haben. Und mit klassischen Puppen oft auch nicht mehr. Ein Bericht vom 16. Internationalen Figurentheaterfestival in Erlangen, Nürnberg und Fürth.

Theater heute - Logo

«Ich könnte vielleicht Puppen herstellen, die Herz, Gewissen, Leidenschaft, Gefühl, Sittlichkeit haben. Aber nach dergleichen fragt in der ganzen Welt niemand. Sie wollen nur Kuriositäten in der Welt; sie wollen Ungeheuer. Ungeheuer wollen sie.» Die Klage des alten Wachsfiguren-Schöpfers Tino Percoli in Joseph Roths Roman «Die Geschichte der 1002. Nacht» könnte durchaus auch ein Fazit des 16. Internationalen Figurentheaterfestivals in Erlangen, Nürnberg und Fürth sein.

Denn wenn in diesem ur­alten Metier etwas schon lange keinen Platz mehr hat, dann sind das Nettig- und Betulichkeiten, wohliger Herz-Schmerz, das «gute Ende» und was es dergleichen Versöhnliches und Berechenbares mehr gibt. Stattdessen ziehen die Puppen und Objekte, hochgerüstet und beseelt von Rache­gelüsten und Zerstörungswut, stellvertretend für den Menschen in die finale Schlacht gegen alles Wahre, Gute und Schöne. 

 

Übrig bleiben dann verbrannte Bühnen­erde, demolierte Papp- und Holztorsi, das Chaos der Dinge – aber immer mehr eben auch der lebendige Mensch selber, der sich inmitten der animierten Realität schließlich ausnimmt wie eine malträtierte Marionette, der man die Fäden zur wirklichen Welt und zu Gott ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen
Weitere Beiträge
Urnenasche

Der Sensenmann ist schon da. Sportiv schwingt er im Mainzer TiC sein Instrument, das mikrofonverstärkt zischt, während um ihn herum das Chaos regiert. Drei Frauen haben es angerichtet, die in ihrer Wohnhölle ein letztes Mal Familie zelebrieren, bevor das Haus verkauft ist und eine neureiche Russin einzieht. Die Mutter schwelgt in Fotoerinnerungen, die zwei Töchter...

Teheran 1386

… heißt das dokumentarische Theaterstück über junge Menschen in Teheran, das Claudius Lünstedt nach einem längerem Iranaufenthalt geschrieben hat und das dem nächsten Heft beiliegen wird. Das iranische Jahr 1386 enstpricht dem westlichen 2007/2008. Im selben Jahr entstand auch dieses Foto von den schiitischen Passionsspielen Ta’ziyeh, die alljährlich im Januar...

Ein deutscher Klassiker

Richard Herzinger hat sich durch die jüngste Marx-Renaissance als Abwehrkämpfer herausgefordert gefühlt und in seinem Essay «Marx oder Murx?» (TH 3/09) auf Widersprüche in den Analysen und Irrtümer in den Prognosen von Marx hingewiesen. 

Er jedenfalls sieht nicht den geringsten sachlichen Anlass für eine Marx-Renaissance, von der er annimmt, dass sie sich in...