Und jetzt mal ehrlich

Die Hamburger Zoom-Performance «Relative Distanz» drängt das Publikum zu intimen Bekenntnissen

Ob ich mein Vaterland liebe? Ob ich heute nacht wohl einsam bin? Und wo ich mich politisch einordnen würde? Ziemlich schnell geht es ans Eingemachte in der Zoom-Sitzung «Relative Distanz», die Einat Amir und Yossi Hasson am Hamburger Produktionshaus Kampnagel eingerichtet haben. Krystel McNeil sitzt mir am Bildschirm gegenüber und stellt sich als Schauspielerin aus Chicago vor, die mich die nächste halbe Stunde ausfragen würde.

Ich muss meine Körperhaltung normieren, mich genau im Bildschirmquadrat positionieren, McNeil erklärt, dass sie nicht nur meine Antworten, sondern auch meine nonverbalen Äußerungen analysieren werde, außerdem, dass ich erst gar nicht versuchen solle, Schlüsse aus ihrer Außenwirkung zu ziehen. Wie viel ich bereit wäre, einer an Covid erkrankten Person zu spenden? Kontonummer folgt.

Im Hintergrund aber passiert etwas. Nach und nach löst sich die Raumumgebung (oder der digitale Screen) hinter McNeil auf, Wasser tropft auf Einrichtungsgegenstände, irgendwann züngeln Flammen; auch wenn der Fragenkatalog immer wieder ins Harmlose abrutscht, scheint das Umfeld zu zerfallen. «Süß oder salzig, was ist besser?» Salzig. McNeil blendet ein Kochrezept ein, man könne ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Juli 2021
Rubrik: Magazin, Seite 60
von Falk Schreiber

Weitere Beiträge
Wachsen an der Katastrophe

Die letzte Hoffnung ist der Super-Supermarkt, während draußen ein todbringender Nebel die Welt verschlingt. Doch dummerweise ist das Einzige, was im Supermarkt noch zählt, der angezählte Hyperkapitalismus, wie die ehemalige Aushilfe Simone (Katka Kurze) dem gestrandeten Anwalt und ehemaligen Milchbauern Dietmar (Martin Esser) klar macht: «Hättest du gesagt, dass du...

Der Extremkünstler

Giuseppe Verdi war erschüttert. «Vagner è morto», entfuhr es dem grande compositore, als er 1883 vom Tod seines deutschen Widerparts erfuhr. «Eine große Persönlichkeit ist von uns gegangen! Ein Name, der unauslöschliche Spuren in der Geschichte der Kunst hinterlässt.» Verdi ahnte, als er die Worte notierte, wohl kaum, wie tief diese Spuren sich ins Gedächtnis der...

Die Verteilungsdebatte kommt noch

Theater heute Nach 14 Monaten Pandemie, deren Ende – hoffentlich – in Sicht ist, wollen wir wissen, wie Sie über diese Zeit gekommen sind. Und zwar aus drei verschiedenen Perspektiven: Joana Tischkau ist freie Künstlerin, Annemie Vanackere leitet eines der größten deutschen Produktionshäuser, das Berliner HAU (Hebbel am Ufer), und Holger Bergmann organisiert und...