Tschechows Phantome
Es ist ein Abend, wie er im Theater eigentlich immer sein müsste: betörend, melancholisch, aber auch gescheit und scharf und ausweglos in seiner Konsequenz. Ein kleines bisschen fahrig vielleicht in seiner Collagierseligkeit, manchmal etwas zu beschwipst von den Einsatzmöglichkeiten des Komödiantischen, aber doch immer Blueprint für das Leben, wie es eben ist oder nicht ist. Vergangenheit und Gegenwart in eins gefallen, ein schönes altes Bild zwar, das aber plötzlich zu leben beginnt und die schöne, träge Tschechowsche Theaterheimat unheimlich macht. Kurz: Ein neuer Pucher ist da.
Nach «Kirschgarten», «Möwe» und «Drei Schwestern» jetzt also auch der «Onkel Wanja». Und wieder ist es eine Arbeit geworden, die zwischen den Zeilen liest und grübelt und das Andere zu Tage bringt, all die höflich und krampfhaft unter Verschluss gehaltenen Neurosen und Verletzlichkeiten, und die vor allem andern eine unglaubliche Empfindsamkeit für atmosphärische Umsetzungen beweist. Pucher hat das Prinzip des Zwischenzeiligen in seinem «Wanja» noch einmal auf die Spitze getrieben und es zum Prinzip der totalen Umkehrung erhoben. Grob zusammengefasst heißt das: Wo Raum ist, wird Linie, leise ist das neue ...
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Mit Symbolfarben ist es so eine Sache. Drei Tage vor der deutschen Hauruck-Wahl, die anschließend in Macho-Gedröhn und rechthaberischem Patt versandete, konnte man beim Betreten des Zuschauerraums in Düsseldorf für einen Moment glauben, in eine Wahlveranstaltung für die Kanzlerkandidatin der CDU geraten zu sein: Orangenes Licht ergießt sich über den Zuschauerraum,...
Noch ist der Kampf nicht ausgefochten. Noch kann sich Anatolij Wassiljew, einer der herausragenden Erneuerer des russischen Theaters aus der inzwischen älteren Generation, nicht wirklich sicher sein, dass die von ihm initiierte, vom mächtigen Moskauer Bürgermeister Jurij Luschkow nachhaltig geförderte und darum lange Zeit schier unaufhaltsam expandierende «Schule...
Zwei Pokerspieler, die ihre Karten nie offen auf den Tisch legen. Ost und West. Die Einsätze wachsen und schrumpfen im spekulativen Feuer; der Bluff blüht. Das Weiterspielen allein zählt, no game over. Dann fällt die Mauer 1989, die Karten sinken. Mit runtergelassenen Hosen steht der Zocker Ost. Wie kann man jetzt noch weiterspielen, wo sich das Blatt des Partners...
