Times are changing
Gerade noch denkt man, was für ein hochästhetischer Anblick: diese abgestuften Rot- bis Rosa-Töne, durchzogen von feinen weißen Äderchen; diese Assemblagen aus popkulturellen Icons und Straßenrand-Trash, diese irgendwie geschwungenen, organischen Formen. Doch langsam setzen sich die Bildmotive genauer zusammen: bis auf leichte Fleischreste abgeschabte Knochen, bräunliche Darmwurst-Teppiche, ein Globus mit Kontinenten aus blutigen Fetzen und immer wieder Knochen in unterschiedlichen Verfallszuständen, durchsetzt mit Gegenwartsschrott.
Barbara Ehnes hat für «Maß für Maß» im Hamburger Thalia Theater ein Schlachthaus der Moderne eingerichtet mit allem, was ein Großes Haus hergibt. Drehbühne mit wechselnden Perspektiven, Innen-Folterkammer mit begehbarem Totenschädel, Video-Screen und Direktübertragung aus dem Verlies. Schöner sterben.
Die Shakespeare-Überschreibung von Thomas Melle nimmt Maß an Covid-19. Die Intrige eines liberalen Herzogs, der nach Jahren liberaler Freizügigkeit die Gesetzes-Zügel nicht selbst anziehen will, sondern dafür seinen angeblich hochmoralischen, leider brutal-bigotten Vertreter Angelo einsetzt, bekommt einen konkreten Anlass. Der «schwedische Odem» geht ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Dezember 2020
Rubrik: Aufführungen, Seite 16
von Franz Wille
Schwer gebeutelt von Corona-Restriktionen und trotzdem am Start: Reports aus München, Basel und Dessau.
Ein Bericht von der Burning-Issues-Konferenz in Hamburg und eine Keynote von Tucké Royale, der sich als Künstler nicht einvernehmen lassen will
Der zweite Lockdown hat auch unsere Heftplanung durcheinandergewirbelt. Nun aber wirklich: ein Porträt von Taner...
Das Tal des Todesschattens, der über diesem Abend im Gorki Theater liegt, ist blendend weiß. Vier alarmbewehrte Stufen führen zum Spielfeld, das ein Vorfeld ist. Dahinter, versteckt hinter weißen Schnüren, liegt verschwommen eine Intensivstation, aus der Beatmungsgeräusche dringen (Bühne: Magda Willi). Wir sind im aerosolgesicherten Corona-Theater, und sein Hüter...
Winterschlaf. Nicht die dümmste Option in Tagen wie diesen, in denen eine Pandemie und ein US-Präsident das kollektive Bewusstsein trüben wie Nebel den Zürichsee. Nur: Genau genommen braucht die Ich-Erzählerin in Ottessa Moshfeghs Roman keinen äußeren Anlass für die totale Auszeit. Es reicht völlig, dass endlich nichts mehr an ihr gezupft, gewachst, gebleicht,...
