Ticks, Tod und Harfengewitter
Unica Zürn beschreibt in «Dunkler Frühling» ein zwölfjähriges Mädchen, das sich aus Liebeskummer aus dem Fenster stürzt. 1970, ein Jahr nach Erscheinen der Erzählung, wirft sich die 54-jährige Schriftstellerin selbst aus dem Fenster und stirbt. Heute wirkt Zürns nur 64 Seiten kurze Erzählung wie ein beklemmender Ruf aus alten Zeiten. Überdeutlich beschreibt sie darin, wie ein Mädchen um Liebe buhlt – aber immer wieder zurückgestoßen oder nicht wahrgenommen wird.
Das Kind versucht, der frühreif auftretenden Sucht nach körperlicher Liebe mit ständiger Selbstbefriedigung zu begegnen. Es masturbiert exzessiv und fantasiert sich dabei in masochistische Tagträume hinein. Schließlich lässt sie sich ausdauernd vom Hund schlecken. Keiner merkt’s, keinen stört’s. Im Gegenteil: Das Mädchen ist kaum zehn Jahre alt, da wird es vom Bruder vergewaltigt.
Bei ihrer Inszenierung am Zürcher Theater Neumarkt geht es Regisseurin Yana Eva Thönnes weniger um den Wahrheits- oder Möglichkeitsgehalt der Erzählung. Vielmehr lässt sie vieles im Ungefähren und rückt das Geschehen mit historisierenden Schwarz-Weiß-Kostümen in die Vergangenheit. Im Neumarkt gibt es keinen Glaskasten wie in Thönnes’ «In Memory ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Juni 2024
Rubrik: Chronik, Seite 60
von Valeria Heintges
Nach ungefähr siebzig Minuten – wir bewegen uns aufs letzte Drittel von Bonn Parks «They Them Okocha» in den Kammerspielen des Schauspiels Frankfurt zu – steht André Meyer allein auf der Bühne und beginnt zu tanzen. Er spielt Noah-Wilhelm, einen von vier Freunden, die sich in dieser Szene am unmittelbaren Übergang von der Spätpubertät zum Erwachsenenalter befinden,...
In Johann Nestroys Posse «Der Talisman» (1840) macht Titus Feuerfuchs Karriere, indem er seine Identität als Rothaariger verleugnet. Eine Perücke verhilft dem Underdog auf dem Gut der reichen Frau von Cypressenburg zum sozialen Aufstieg. Die Autorin, die sich Golda Barton nennt, und die Regisseurin Isabelle Redfern – beide wurden 2022 mit der...
Theater heute Herr Tschirner, haben Sie die Übergriffe auf Politiker der SPD und Grünen in Dresden Anfang Mai überrascht?
Christian Tschirner Nein, nicht wirklich. Die Atmosphäre ist sehr aufgeladen.
TH Eine aufgeladene Atmosphäre muss ja nicht dazu führen, dass man jemanden zusammenschlägt. Man kann sich auch anders streiten.
Tschirner Natürlich. Aber die...
