Thomas Freyer: «dumme Jahre»
ERSTER TEIL
Regine der Schnee körnig
und unter
einem achatgrauen Himmel so
schnell zu Boden fallend wie
ein plötzlicher Regen ich
stehe am Küchenfenster
rauche unablässig in
den Tag hinein ein
Rieseln auf Betonplatten und
das Blech der Fensterbank im
Schlafzimmer liegt
mein Mann liegt Wolfgang
im täglichen Abtragen der
Erinnerungsschichten die Vergangenheit
als Abraum unbrauchbarer Bruchstücke was
bleibt ist ein weit
versprengtes Archipel Momente
frühes
ter Kindheit das Bad als
Kleinkind in der alten Zinkwanne eine
Wanderung mit dem Großvater im
Stadtwald oder die
Großmutter wie sie im Garten hinter
dem geduckten Haus Kartoffeln setzt in
die erzgebirgische Erde jede
dieser Erinnerungen eine
Insel oft und im immer gleichen Tonfall mit
den immer gleichen Worten von
ihm von Wolfgang in
jeder beliebigen Situation berichtet mein
Blick aus
dem fünften Stock auf das Viertel die
Neue Zeit der selektive
Rückbau am Block gegenüber
fast abgeschlossen Wolfgang
stöhnt im Schlaf auch
am dritten Tag in Folge reißt
der niedrige Himmel nicht auf wenn
ich daran zurückdenke wenn ich
mich liegen sehe am See auf
dem Handtuch neben Wolfgang vor
mehr als fünfzig Jahren wie
ich versuche ihn
dazu zu bringen ...
THOMAS FREYER, geboren 1981 in Gera, studierte Szenisches Schreiben an der Universität der Künste (UdK) Berlin. Mit seinem Debütstück «Amoklauf mein Kinderspiel» (2006) war er u.a. beim Stückemarkt des Theatertreffens eingeladen; 2021 war sein Stück «Stummes Land» für den Mülheimer Dramatikpreis nominiert. Thomas Freyer schreibt Theatertexte für Erwachsene und für Kinder; «dumme Jahre» ist sein 17. Stück.
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Theater heute Januar 2025
Rubrik: Das Stück, Seite 100
von Thomas Freyer
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