Theater aus der zweiten Reihe
Halb elf am Nürnberger Hauptbahnhof hatten wir ausgemacht. Der Schauspieler Andreas Uhse steht vor dem «Info-Center», und von weitem meint man, diese Haltung zu kennen: ein wenig verloren und irgendwie fehl am Platz, allein unter Unzähligen. Der kahle Schädel zuckt immer mal ruckartig wie der Kopf eines aufmerksamen Vogels, die spitze Nase sticht in die Luft, die Ohren wie aufgestellt, die Augen gehen flink und suchen nach einem Halt. Und bei all dem erscheint dieser gleichzeitg neugierig und schüchtern wirkende, schmale junge Mann da unnahbar, verschlossen, verloren.
Als ich ihn das letzte Mal so sah, auf einer ganz anderen Bühne, war er Franz Moor und hatte sich gerade nach allen Regeln des Fremd- und Selbstbetrugs die eigene Zukunft versaut, stand wie ein Haufen Elend, in trüben Gedanken die Welt nach einem Ausweg abtastend, und staunte nur noch stumm über die Ausmaße seiner Einsamkeit.
Und jetzt geht es doch wieder um Zukunft, aber die ist Wirklichkeit und offen. Er hat die Chancen genutzt, und wenn er nun einen Schlussstrich zieht, ist es ein Neuanfang. Nach sechs Jahren am Nürnberger Schauspielhaus macht sich Andreas Uhse gerade auf den Weg ans Ulmer Theater, wo er ab der ...
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Anfang Mai konnte man den Eindruck gewinnen, ein für alle Glaubensrichtungen zuständiger oberster Gott habe einen gewissen Hang zum Theater und für die Inszenierung eines seiner Dokudramen Israel als Bühne erwählt. Es ging natürlich nicht um Lessings Ringparabel, dafür aber im kleinen Städtchen Shafa-Amer um ein Pantomimefestival. Shafa-Amer liegt im Norden des...
Das gibt es also: den geplanten Zufall. Nichts Beiläufigeres, Unangestrengteres, scheinbar Planloseres auf Erden und der Bühne als Ruedi Häusermanns stilles Geräuschetheater, Sinfonien aus Surren und Sirren, Gurren und Girren, Zirpen und Zupfen, als hätte sich ein freundlicher Tinnitus zum Weltgeräusch aufgeschwungen. Und doch liegt dem allen ein zweifellos...
Der israelische Künstler Absalon war ein Architekt der Isolation. Seine penibel weißen «Zellen» besaßen Bett, Schrank, Tisch, Stuhl, Mini-Küche, Hock-Klo und Neon-Licht, und wenn es ein Fenster gab, dann nur als Schlitz. Ob die Abschottung in diesen bewohnbaren Monaden erzwungen oder freiwillig sein sollte, Mönchsklause oder Isolationshaft, ließ Absalon offen....
