Theater als Möglichkeitsform
Ein typischer Tag im Leben des Schriftstellers sieht so aus: Er stellt sich den Wecker früh und steht dann trotzdem spät auf, danach schreibt er zu wenig und trinkt zu viel. Gegen Abend kommt seine Freundin, auch sie Schriftstellerin, zum Essen. Wechselseitig lesen sie die tagsüber entstandenen Texte.
Er schreibt gerade an einem Stück, das von einem Tag im Leben eines Schriftstellers handelt …
«Aus der Fremde», der einzige abendfüllende Theatertext des als Lyriker berühmten Ernst Jandl (1925–2000), ist einerseits ein Meisterwerk und andererseits das Ergebnis einer schweren Schreibkrise. Der Autor hatte den Auftrag angenommen, für den Steirischen Herbst 1979 ein Stück zu schreiben, und ist daran beinahe verzweifelt. Erst als er schon darüber nachdachte, wie er vom Vertrag zurücktreten könne, kam ihm die rettende Idee. «Zweieinhalb Jahre lang tappte ich im Dunkeln», erzählte Jandl 1984 in seiner Büchnerpreis-Rede, «ehe ich mit der einzigen Figur in Berührung kam, die sich von mir vielleicht auf die Bühne stellen ließ, und das war ein Fremder, nämlich ich selbst.»
Die Figuren «er» und «sie» stehen natürlich für Ernst Jandl und Friederike Mayröcker; das Langzeit-Dichterpaar hatte ...
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Theater heute März 2022
Rubrik: Aufführungen, Seite 6
von Wolfgang Kralicek
Auf der Pfauen-Bühne steht ein Fließband, das Symbol entfremdeter Arbeit schlechthin. Nils Kahnwald bricht eine weiße Substanz in backsteingroße Brocken, diese wandern in einen großen Aluzylinder und von dort aus verflüssigt in verschiedenfarbige Zapfstationen. Im Verlauf der Aufführung füllt das Ensemble nebenbei immer mal wieder kleine Portionen daraus in kleine...
Herbert Achternbusch war nicht einfach, und er hat es auch niemandem einfach gemacht. 1938 als unehelicher Sohn im stockkatholischen Bayern geboren, von der Mutter umstände-, aber teilweise wohl auch empfindungshalber zu den Großeltern im ärmlichen Bayerwald gegeben und dort aufgewachsen. Die Mutter, die sich als Sport-, Schwimm- und Tennislehrerin in München...
Auch das 59. Theatertreffen übertrifft die Frauenquote deutlich. An Regisseurinnen sind diesmal dabei: Ewelina Marciniak mit ihrer Mannheimer «Jungfrau von Orleans», Pinar Karabuluts Münchner Uraufführung von Sivan Ben Yishais «Like Lovers Do (Memoiren der Medusa)», Yael Ronen mit dem identitätspolitischen Musical «Slippery Slope» am Berliner Gorki Theater, Signa...
