Theater als Arbeit am Bösen
Was Heiner Müllers «Horatier» gerade heute zum Terrorismus zu sagen hat
Der namenlose Kämpfer stößt dem verwundeten Gegner, der am Boden liegt und «mit schwindender Stimme» um Schonung bittet, «sein Schwert in den Hals, daß das Blut auf die Erde» fällt, er wirft sich das blutige Schlachtkleid des Getöteten über die Schulter, steckt sich dessen Waffe in den Gürtel und behält das eigene blutige Schwert in Händen. So wird er vom Volk bejubelt.
Die Rede ist nicht von einem islamistischen Milizionär in Diensten des IS, der einen weiteren Gefangenen enthauptet hat.
Die Rede ist nicht von einer Szene aus dem Jemen, dem Sudan, der Ukraine oder einem der vielen anderen gegenwärtigen Schauplätze extremer Gewalt. Die Rede ist von einem von uns. Von dem «Horatier» in Heiner Müllers gleichnamigem Stück, das paradigmatisch stehen könnte für ein Theater, das sich begreift als «Arbeit am Bösen»: Damit ist zunächst einmal gemeint, dass das Theater, entgegen seiner aufklärerischen Rechtfertigungen als «moralische Anstalt», Stätte der Erziehung, der Nationenbildung und Selbstverständigung einer Gesellschaft, in seiner abendländischen Form von seinen Anfängen bis zu den jüngsten Beispielen der ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute März 2016
Rubrik: Essay, Seite 44
von Nikolaus Müller-Schöll
Viele der besonders geistlosen Sprüche und Sentenzen, die man auf Kundgebungen der AfD und bei Volksversammlungen von Pegida hört, erinnern fatal an das Vokabular, das in Deutschland nach 1933 in vieler Munde war. «Lügenpresse», «Überfremdung» oder auch «Schmarotzer», angewandt auf Flüchtlinge, die derzeit hier Sicherheit suchen, sind Wörter, die Adolf Hitler in...
Der Schauspieler Ulrich Matthes registriert seit Längerem ein gewisses Unbehagen an der (Bühnen-)Kultur. «Viele Menschen können mit dem Theater nichts rechtes mehr anfangen», sagte er in seinem Eingangsstatement zum Symposium «Was soll das Theater?» in der Berliner Akademie der Künste, das er als Direktor der Sektion Darstellende Kunst aus besagtem Grund selbst...
Für einen Theaterabend, der auf Schuberts «Winterreise» basierte, filmte der Theater- und Filmregisseur Kornél Mundruczo im Herbst 2013 sechs Tage lang im ungarischen Flüchtlingslager Bicske. Er bat die Geflüchteten – Menschen aus Afghanistan und Syrien –, auf eine neutrale, unemotionale Art und Weise ihre täglichen Routinen nachzustellen: Schlafen, Essen, Trinken,...
