Stuttgart: Noch zu retten?
Die beste Szene wird man als Foto nirgends sehen: Das Ensemble steht splitternackt vorm Publikum und fordert es zu Atemübungen auf. Es geht um dieses «Wir lieben uns alle»-Atmen: «Wir sind Europa und niemand sonst. Wir stehen zusammen, nichts kann uns zerstören.» Ironie entlarvt Esoterik als Flucht in die kollektive Verantwortungslosigkeit: «Du hast es dir verdient: die Sterne am Himmel, die Blumen auf den Wiesen, die Vögel in den Bäumen und die kleinen Bienen ohne Stiche.
» Will sagen: Nichts hast du dir verdient, du wohlständiges Deutschland, du phlegmatisches Bürgertum, du Theaterhocker. Deine und Europas Geschichte erwächst aus Morden, Ausbeutung, Unterdrückung.
Mit «Imaginary Europe» hat das Schauspiel Stuttgart im Kammertheater jetzt ein hehres zweijähriges Projekt gestartet. Es ist die erste von sechs Produktionen des Europa Ensembles, das im letzten Sommer gemeinsam mit dem Warschauer Nowy Teatr und dem kroatischen Zagrebacko kazalište mladih gegründet wurde. Man will im Namen Europas ein Theater machen, «das Utopien schafft inmitten der Realpolitik». Man will dem Brexit trotzen, den neuen Mauern, den Rechtspopulisten, um zurückzufinden zum Geist europäischer ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Juni 2019
Rubrik: Chronik, Seite 53
von Verena Großkreutz
Ein glatter Typ, der sich auf den ersten Blick einordnen lässt, ist er sicherlich nicht – ein Hingucker aber in jedem Fall. Schwerer Junge mit hartem Kern oder doch eher Lausbub mit Flausen im wuscheligen Kindskopf? Dann aber auch wieder souverän und selbstbewusst, wie man es bei einem 24-Jährigen nicht ohne Weiteres erwarten würde. Seit 2015 gehört Marcel...
Politik ist nur Clownerie? Das scheint doch etwas plump gedacht. Es geht um Politik, so sehr wie in keinem anderen Shakespeare-Stück. Alle sind sie Clowns in Tilmann Köhlers Düsseldorfer Inszenierung – das wankelmütige Volk, die Volksvertreter, die nur ihre Funktion sichern wollen, die stolzen Aristokraten, der joviale Senator – alle meinen es ernst, aber alle...
Plötzlich steht da dieser kleine Körper auf der Bühne. Eigentlich ist Maybelle schon vor Stückbeginn tot: Ihr Name steht groß auf der Bühnenrückwand, der untere Strich des letzten Buchstabens zieht sich lang hin und bricht dann plötzlich ab wie ein Kardiogramm. Doch Regisseurin Anna Bergmann bringt die kleine Tochter des Musikerpaares Elise und Didier als...
