Spur des Vaters im Schnee
Es gibt eine Fotografie, die zeigt Elfriede Jelinek 1998 an der Seite von Einar Schleef auf der Bühne des Wiener Burgtheaters. Gespielt wird «Ein Sportstück». Jelinek und Schleef stehen auf einem Bodentuch, das mit einem Text bedruckt ist. Er im Frack, sie mit einer Kladde in der Hand, als seien sie Sänger und Pianistin eines Konzertabends. Vielleicht Schubert. Vielleicht «Die Winterreise». Warum auch nicht.
Jelinek hat oft Sänger und Sängerinnen am Klavier begleitet, ehe sie das Tasteninstrument mit der Tastatur der Schreibmaschine vertauscht hat und seitdem ihre Texte in die Welt hämmert. Schleef und Jelinek laufen auf Strümpfen über das bedruckte Bodentuch, sie wandern buchstäblich durch die Jelineksche Textlandschaft und scheinen mit ihren heißen Sohlen den Boden zu wärmen, der, wenn er aus Eis wäre, schmelzen würde. Das passt zur Winterreise und zu Schubert, dem «Komponisten des brüchigen Bodens», wie Jelinek ihn einst in einem Text beschrieb.
Jelinek und Schleef sprechen an diesem Abend im Burgtheater gemeinsam den letzten Monolog aus dem «Sportstück». Es ist die Anrufung des Vaters durch die Figur der «Autorin»: «Papi. Du sollst jetzt bitte auftreten und mir einen Vorwurf ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Jahrbuch 2010
Rubrik: Die neuen Stücke der Spielzeit, Seite 180
von Matthias Günther
Sex und Crime, Drugs und Philosophie: das Leben eben. Tragisch, komisch, tragikomisch. Rebekka Kricheldorfs gigantische, hemmungslos ins Absurde getriebene Gesellschafts-Saga in drei Teilen, die moderne Helden-Mythen der Comic-Literatur zu einem Netzwerk aus Abhängigkeiten, Lüsten und Süchten verwebt, beginnt mit Gotham City I – das Stück «Eine Stadt sucht ihren...
Eigentlich hatte die Inszenierung bei mir im Vorfeld schon gewonnen! Der Wirtschafts- und Finanzcrash bringt ja zurzeit geballte Krisenfolklore über das Theater: Überall strampeln wackere, redliche «kleine Leute» in existenzieller Verzweiflung gegen skrupellose Zigarren-Kapitalisten und/oder Pokerface-Banker an, was naturgemäß den Vorteil hat, dass sich neunzig...
Noch immer sorgt das Bild im Pariser Musée d’Orsay für leichte Irritation, wenn der Blick des von einem zum anderen Bild schreitenden Betrachters plötzlich zwischen zwei geöffnete Schenkel fällt, zwischen denen die Lippen sichtbar, der Spalt der Klitoris erkennbar, der behaarte Schamhügel einer Liegenden sich ihm entgegenwölbt. Eine Nahsicht, naturgetreu...
