Sprache und Mensch

Zum Tod von Jürgen Berger (1954–2026)

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Wer mit Jürgen Berger nach einer Vorstellung noch ein wenig reden wollte, landete gern in einem Lokal, das guten Rotwein serviert, am besten einen Primitivo. Entsprechend beflügelt konnte man sich dann lange in Stücke und Aufführungen hineinspiralen – Berger, geboren 1954, hatte noch bei Gadamer per -sönlich in Heidelberg studiert und dort den hermeneutischen Zirkel inhaliert. Zentrale Kategorien blieben für ihn Figuren, Schauspieler:innen und – wenn es um Texte ging – Sprache.

Welche Register, welche Formen, welche Mittel? Als Literaturwissenschaftler hörte und las er nach, worüber andere schneller wegsahen. Postdramatischer Wahrheitsskepsis gegenüber blieb er seinerseits skeptisch, wie auch anderen Wahrheitsansprüchen – Erkenntnis ist Ziel, bleibt aber immer fehlbar. Auch die eigene.

Menschliches Gegenüber war Jürgen Berger dabei mindestens ebenso wichtig wie theoretisches Nachdenken. Sprache war für ihn Begegnungs-, nicht nur Verständigungsmittel. Redaktionelle Verabredungen wurden grundsätzlich am Telefon getroffen, eine schnöde Mail wäre ihm zu unpersönlich gewesen. Seiner großzügigen Herzlichkeit entkam man auch bei solideren Meinungsunterschieden so schnell nicht. Auch nach ganztägigen Workshops, Nachwuchs-Blogund Zeitungsseitenproduktionen etwa für die Mannheimer Schillertage suchte er statt Rückzug unermüdlich den Austausch. Falls Jury-Diskussionen mal heftiger ausarteten, zum Beispiel im Auswahlgremium der Mülheimer Stücke, dem er viele Jahre angehörte, konnte man sich auf ihn als Entspannungsverantwortlichen verlassen: Sachthemen durften nie persönlich werden, Rechthabereien waren ihm zuwider.

Kein Zufall, dass der Kritiker Jürgen Berger dann irgendwann selbst zum Theatermacher, Festivalkurator, Dozent, Autor und Regisseur wurde. Seine dokumentarischen Stückentwicklungen, etwa am Münchner Residenztheater oder am Berliner Maxim Gorki Theater, waren genaue Erkundungen aus langen Begegnungen und persönlichen Recherchen: menschliche Feldforschung. So wurde 2008 aus einer Recherche für Armin Petras in Buenos Aires sein erstes eigenes Stück «Elsa», basierend auf langen Gesprächen mit der damals über 80-jährigen jüdischen Schwäbin Ellen Wolf und ihrer Familie, in deren Leben – und dem ihrer Nachkommen – zwei Diktaturen erschütternde Spuren hinterlassen hatten. Während Jürgen rund um die vom Goethe-Institut koproduzierte Uraufführung in der argentinischen Hauptstadt mit seiner neuen Rolle als Dramatiker noch etwas fremdelte, hatte sich das spätestens mit seinen weiteren doku-fiktionalen Stücken «Borderline» (2020, über das geteilte Korea), «I Don’t Care» (2022, mit deutsch-thailändischen Trans*Personen) und dem Demenzstück «Was ich vergessen habe» (2025) am Münchner Residenztheater erledigt.

Dabei wurde der Autor Berger im Zweifel selbst postdramatischer als es der Kritiker Berger je gedacht hätte: ein schöner Widerspruch, den Jürgen mit souveräner Gelassenheit zum Blühen brachte. Seinen ersten Beitrag für «Theater heute» schrieb er im Juli 1998, ab da gehörte er über ein Vierteljahrhundert zum Kreis derer, auf die sich die Zeitschrift in Qualität und Urteil jederzeit und bis zuletzt verlassen konnte. Nachdem er lange hingebungsvoll seine todkranke Mutter begleitet hatte, musste er vor etwa einem Jahr wegen einer eigenen schweren Krankheit den Radius enger ziehen, die Hoffnung gab er nicht auf. Er starb am 31. Juli.


Theater heute Oktober 2026
Rubrik: Magazin, Seite 72
von Franz Wille, Eva Behrendt

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