Spielkrise und Spiegelstadium
In einer Spielzeit, die der Frage «Was heißt spielen?» gewidmet ist, kommt man um Dostojewskij kaum herum.
Wer wüsste besser als ein jahrelang Spielsüchtiger, was es heißt, immer wieder am Abgrund zu stehen, alles zu riskieren und zu verlieren bis auf den buchstäblich letzten Heller, ja, sogar das eigene, noch ungeschriebene Werk zum Einsatz zu machen? Bei seinem zweiten Roman «Der Spieler» kulminieren Lebenssituation und Sujet zu einem aberwitzigen Countdown: In nur 26 Tagen und Nächten im Oktober 1866 diktiert Dostojewskij der jungen Stenotypistin Anna Snitkina, die er wenig später zu seiner zweiten Frau macht, die geforderten zehn Druckbögen. Auf dem Spiel stand nicht nur seine finanzielle Existenz, sondern das Schicksal seines bisherigen und künftigen Werks, deren Rechte er ein Jahr zuvor für ein Darlehen von 3000 Rubel an den geschäftstüchtigen Verleger Stellowski verpfändet hatte, wenn er nicht zum Stichtag 1. November einen neuen Roman abliefere. Der Termin wurde, nicht zuletzt dank Annas hartnäckiger Tüchtigkeit, eingehalten, das Werk befreit, und einige Jahre später gelang es Dostojewskij sogar, seine Sucht endgültig hinter sich zu lassen.
Die Geschichte um den jungen ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Februar 2019
Rubrik: Aufführungen, Seite 22
von Silvia Stammen
Es gibt derzeit kaum ein Stück, das in derart simplen Lehren aufzugehen scheint wie «Macbeth» von Shakespeare. «Blut will Blut», wie es in der verdunkelten Fassung von Heiner Müller (aus dem Jahr 1972) heißt. Oder auch: «Himmel und Hölle haben einen Rachen / Mein Tod wird Euch die Welt nicht besser machen.» Allerorten wird gerade die Öffnung dieses Höllenrachens...
Cineasten sind entsetzt: Angeblich wirken aufwändige Cinemascope-Filme auf modernen Fernsehern wie billige Seifenopern. Weil die TV-Geräte digital berechnete Bilder zwischen die einzelnen Filmbilder setzen würden, um so einen flüssigeren Bildablauf zu gewährleisten; «Motion Flow», «Tru Motion» oder «Intelligent Frame Creation» heißt das. Wahrscheinlich kann man nur...
Kindsmörderinnen sind kein Mythos. Wer die Nachrichten nach Müttern durchkämmt, die ihre Kinder umgebracht haben, oft gleich nach der Geburt, stößt meist auf sozial oder psychisch prekäre, als Kind selbst vernachlässigte und misshandelte Frauen, häufig allein oder in schwierigen Beziehungen. Was auch immer ihr Motiv sein mag – ökonomische Ausweglosigkeit, Druck der...
