Spielen ohne Fake
Mit hochgeschlossenem Trenchcoat stand sie auf der Trittleiter, die nirgendwo andockte, die Hände trotzig in den Manteltaschen, der Mund mit Tape verklebt: Hippolyta im Berner «Sommernachtstraum» Anfang 2022. Eine vergewaltigte Frau. Eine Amazone, die aus der Verwundung Kampfkraft zieht. «Wir Amazonen schneiden ab die Hälfte unsrer Weiblichkeit», sagte sie zu Theseus, den sie als «Tee-Zeuschen» belächelte: «Darum sind wir geübt im Nähen, und wir näh’n nicht nur die eig’ne Brust, wir nähen all die Narben, die ihr schlagt. Du hast zerschlagen die Hippolyta.
Mein neues Ich ist nicht kaputt, sondern vielbrüstiges Gewucher aus dem Schutt.»
Das war eine ungewohnte Hippolyta, in der empowernden Regie von Sabine Auf der Heyde, mit den kommentierenden und zweifelnden Text-Extensions von Kim de l’Horizon, im schuttwuchernden Auftritt von Lucia Kotikova. Nüchtern verband sie den queeren Ökofeminismus Horizons mit Shakespeares Konflikten, motivierte die alte Figur mit neuen Haltungen, unerbittlich, was die eigene performative Position angeht. Sie tat es mit einer herausfordernden Unmittelbarkeit, die auch ihre weiteren Berner Figuren in den kommenden Jahren auszeichnete, das Sennentuntschi ...
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Theater heute Juni 2025
Rubrik: Akteure, Seite 30
von Andreas Klaeui
Am Ende fällt dann alles buchstäblich aus dem Rahmen oder vielmehr vor den Rahmen. Einen solchen hat Nadja Sofie Eiler nämlich auf die große Bühne des neuen theaters in Halle gebaut und in ihn hinein eine große Küche mit freistehender Arbeitsfläche. Im Hintergrund ein paar Fenster, rechts steht der Kühlschrank, in der hinteren linken Ecke der Herd und vorne ein...
Jelinek-Inszenierungen waren lange eine knallbunte, aber triste Angelegenheit. Regisseur:innen wollten es der Autorin recht machen, die in ihrem programmatischen Essay «Ich möchte seicht sein» (1983) ihre Ästhetik offenlegte. Jelineks Lob der maximalen Oberflächlichkeit forderte: keine Psychologie, keine tiefe Bedeutung, Theater als Modenschau.
Zwei völlig...
Eine fahle Projektion auf dem schwarzen Bühnenvorhang im Akademietheater verrät es vorab: In «Die Wurzel aus Sein» schreibt Autor Wajdi Mouawad über sich selbst. Gleichwohl entwirft das Stück des 1968 im Libanon geborenen Kanadiers eine besondere Variation des Genres Autofiktion: Mouawad schildert nicht, wie sein Leben war, sondern wie es hätte sein können.
Da...
