Ansteigende Fluten
Es ist ein letzter Tanz, nur ein kleines Wiegen in den Hüften: Summend und mit geschlossenen Augen erinnert sich Rebecca an ihre Jugend, an ihren Abschlussball und ihren ersten Kuss. «Only you» schallt es dazu von The Platters durch den Raum. Einen kurzen Augenblick lang denkt man, Rebecca habe ihren Frieden gemacht. Sie, die doch den ganzen Abend – und dieser steht stellvertretend für ihr gesamtes verschenktes Leben – immer und überall das Gute gewollt, gegeben und gesehen hat.
Sie, die für ihre Familie ein heimeliges Zuhause geschaffen hat, für eine Familie, die längst nicht mehr da ist. Doch dann fischt Rebecca zwischen zerbrochenem Porzellan und Wasserlachen den Cowboyhut ihres Mannes heraus. Sie setzt ihn auf, macht sich ganz gerade und geht zur Tür hinaus. Entschlossen und mit einem leisen Lächeln. Dann fällt ein Schuss. Rebecca hat sich umgebracht und damit aus ihrer Einsamkeit erlöst.
«Meine Liebe ist hier. In den Muffins, im Orangensaft, in den Sandwiches ohne Rinde. In den Zöpfen, den Augentests, den Impfungen», sagt Rebecca einmal in «Alles muss glänzen». Stolz und verzweifelt brechen diese Sätze aus Andrea Strube heraus. Voller Wut und doch ohne Gram. Überzeugend ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Oktober 2021
Rubrik: Chronik, Seite 50
von Katrin Ullmann
Als ziemlich spät am Abend der öffentlichen und gestreamten Preisjury-Debatte der Anruf von Stephanie Steinberg kam, war Ewe Benbenek überzeugt davon, dass sich die Festivalleiterin nur erkundigen wollte, wie sie denn so durch den Abend gekommen sei. Natürlich hatte die 1985 geborene Autorin den Rechner zugeklappt, ihr Handy ausgeschaltet und war zu einer Freundin...
Wer Lina Beckmann als Richard III. beobachtet, kommt unweigerlich ins Grübeln. Da ist so rein gar kein Geheimnis einer Figur, aber es wird trotzdem nie langweilig, ihr zuzuschauen. Ihr Spiel ist auch an keiner Stelle nur ansatzweise subtil. Sie fletscht die Zähne zum verlogenen Schmeichel-Grinsen bei entsprechendem Bedarf; ihr quillt die hochprozentige Niedertracht...
Ist es Zufall oder hat es eine tiefere Bedeutung? Wenn in Avignon im Papstpalast Tschechow auf dem Programm steht, bekommt der Ehrenhof ein neues Outfit. Zu seiner 75. Ausgabe hat sich das Festival (und die Stadt Avignon und das Departement Vaucluse) eine neue Bühne und eine schicke neue Bestuhlung im Palais des Papes geleistet: 1947 ziemlich bequeme, relativ weit...
