Serie: Horror der Heimatlosigkeit
Alexander Scheer ist praktisch nicht wiederzuerkennen. Ungewaschener Bart, verlebte Haut. Die Kapuze seines Mantels fällt ihm tief ins kajalverdunkelte Gesicht, nur gelegentlich blitzen blaustechend seine Augen hervor. Ein finsterer Geselle, der mit seinem Fingernagel Blechbüchsen öffnen kann. Wie er da in den ersten Minuten von «Hausen» als Obdachloser dem sechzehnjährigen Protagonisten Juri (Tristan Göbel) entgegentritt, im Nachtschatten eines schier endlos hohen Plattenbaus, da weht’s einen eisig an.
Und die Froststufe hält sich über die acht Episoden dieser Sky-Mysteryserie von Thomas Stuber. Selbst wenn gleich zu Beginn eine Heizung repariert wird.
Juri zieht mit seinem Vater Jaschek (Charly Hübner) in den heruntergekommenen Ost-Plattenbau in einer gottverlassenen Gegend ein. Wobei «heruntergekommen» fast beschönigend klingt. Der Achtzehn-Geschosser sieht aus wie Tschernobyl nach der Evakuierung. Nur dass hier noch versprengte Gestalten wohnen bzw. «hausen». Ein junges Paar etwa (Lilith Stangenberg und Daniel Sträßer), das seinen Neugeborenen verliert, noch ehe er ihnen verwahrlosen kann. Papa hängt an Drogen, wie so viele in diesem Bau am einstigen Dimitroff-Ring. Ein ...
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Theater heute November 2020
Rubrik: Magazin, Seite 59
von Christian Rakow
Die Kunst ist auch keine Medizin. Maja Beckmanns Medea glaubt es kurz. Sie setzt sich zu Johannes Rieder aufs Klavier, mit der Blockflöte in der Hand. Gemeinsam pfeifen sie sich eins auf die Welt, fantasieren sich in einen Zwiegesang von Liebe und Solidarität und Loyalität. Das pure Gegenteil von Jason also.
Dieser hat Medea bekanntlich in der Fremde sitzenlassen,...
Wir müssen uns Harpagon als unglücklichen Menschen vorstellen. Zumindest so, wie Jens Harzer ihn spielt: missgünstig, ängstlich, ungepflegt. Der Titelheld aus Molières «Der Geizige» ist ein schmerbäuchiger alter Mann im fleckigen Unterhemd (Kostüme: Janina Brinkmann), kurzsichtig, lungenkrank, jeder Satz ein Huster, jeder Huster ein Auswurf. Würde das Theater auf...
«Jakob Lenz hätte Büchner als Freund haben müssen», schreibt Sigrid Damm, als sie 1987 die erste Lenz-Gesamtausgabe herausgibt. Leider war Lenz seit über 40 Jahren tot, als der junge Kollege Büchner auf dessen Werk stieß. Dennoch ist Büchner «der Erste, der das Ungewöhnliche von Struktur, Gestus und Weltsicht seiner Dramen begreift». Lenz’ «Soldaten» wurden zur...
