Serie: Horror der Heimatlosigkeit

Die Crème der deutschen Schauspielkunst veredelfinstert Thomas Stubers kafkaeske Ost-Allegorie «Hausen»

Alexander Scheer ist praktisch nicht wiederzuerkennen. Ungewaschener Bart, verlebte Haut. Die Kapuze seines Mantels fällt ihm tief ins kajalverdunkelte Gesicht, nur gelegentlich blitzen blaustechend seine Augen hervor. Ein finsterer Geselle, der mit seinem Fingernagel Blechbüchsen öffnen kann. Wie er da in den ersten Minuten von «Hausen» als Obdachloser dem sechzehnjährigen Prota­gonisten Juri (Tristan Göbel) entgegentritt, im Nachtschatten eines schier endlos hohen Plattenbaus, da weht’s einen eisig an.

Und die Froststufe hält sich über die acht Episoden dieser Sky-Mysteryserie von Thomas Stuber. Selbst wenn gleich zu Beginn eine Heizung repariert wird.

Juri zieht mit seinem Vater Jaschek (Charly Hübner) in den heruntergekommenen Ost-Plattenbau in einer gottverlassenen Gegend ein. Wobei «heruntergekommen» fast beschönigend klingt. Der Achtzehn-Geschosser sieht aus wie Tschernobyl nach der Evakuierung. Nur dass hier noch versprengte Gestalten wohnen bzw. «hausen». Ein junges Paar etwa (Lilith Stangenberg und Daniel Sträßer), das seinen Neugeborenen verliert, noch ehe er ihnen verwahrlosen kann. Papa hängt an Drogen, wie so viele in diesem Bau am einstigen Dimitroff-Ring. Ein ...

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Theater heute November 2020
Rubrik: Magazin, Seite 59
von Christian Rakow

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