Selfie mit Schwermütigem
Ein schmaler Junge eilt entschlossen einer ungewissen Zukunft entgegen. Sein Ziel liegt in Finsternis, unerreichbar womöglich, aber was stört das einen, der die Lederjacke so offen und die Mundwinkel so rebellisch verschlossen trägt. Dass er seinem Gestus der Siebenmeilen-Slowmotion zum Trotz auf der Großen Bühne des Theaters Basel praktisch auf der Stelle stiefelt, ficht diesen Jungen (Andrew Hale) nicht an.
Und sein Wille fortzuschreiten – fortzukommen? – wirkt ansteckend, zumal auf den Melancholiker des großartigen britischen Countertenors Tim Mead, dem jede Richtung so offensichtlich abhanden gekommen ist, und der noch inmitten eines vibrierenden Teenagerschwarms in der Lage ist, sein verlorenstes Klagelied anzustimmen: «Einsamkeit, du Qual der Herzen!»
Der Barockopernkomponist Johann Philipp Krieger hat diese Arie komponiert. Sie entlarvt den Schwermütigen als Selbstbetrüber, einerseits. Aber auch als klassischen Notfall. Eine ausgewachsene «Melancholia» grassiert, selbst, wenn sie das pralle Leben umflutet. Und so bemerkt der hipsterbärtige Thirtysomething-Gentleman in Sebastian Nüblings und Ives Thuwis’ Musik-Tanztheaterstück weder die (entschieden zeitgenössischen) ...
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Theater heute August/September 2016
Rubrik: Chronik, Seite 64
von Stephan Reuter
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