Selbst und Selbste
Da steht die Familie, so heilig und rein, sanft summend, klingend, harmonisch und schön. Nur Emil passt nicht mehr richtig hinein. Der religiös erzogene Sohn (Mathias Spaan) hat düstere Gedanken, die so gar nicht zum heilen Familienschein passen wollen. Auf der Ballhof-Bühne lässt er uns daran teilhaben. Ein umgekehrtes Bühnen-Portal hat die Regisseurin Barbara Bürk aufbauen lassen. Emil steht am Inspizienten-Pult neben dem Vorhang, von hier leitet er die Erzählung seines eigenen Lebens.
Hinter dem Vorhang ist wahlweise ein riesiger Zuschauersaal zu sehen, aus dessen erster Reihe Vater, Mutter und Schwester fassungslos auf das gucken, was aus ihrem Sohn geworden ist. Der erliegt zunehmend der Gedankenwelt des neuen Mitschülers Demian (Philippe Goos), der nicht zufällig genauso aussieht wie er selbst. Demian repräsentiert schon in der leicht durchschaubaren Hesse-Vorlage die verdrängten Triebe, die angeblich dunkle Seite von Emils Selbst.
Der versucht in Bildern wie aus einem Traum, seine Identität zu finden. Immer mehr Vorhänge gehen hinter dem Bühnenportal auf, der Sprung ins eigene Leben wird zu einem Sprung aus dem Familien-Theater, das keinen Raum lässt für die Entdeckung der ...
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Theater heute August/September 2016
Rubrik: Chronik, Seite 66
von Alexander Kohlmann
Es ist ein Has’ entsprungen. Der Wächter und Chorführer im Horror-Haus der Atriden trägt Hasen-Ohren. In der Nähe des Schauspielers, der wie elektrisch aufgeladen an Strippen hängt und später von seinem Blut überschwemmt wird, steht noch eine putzig kleine Figurengruppe von Vorgarten-Hasen. Beuys und Schlingensief haben das Totemtier, das ikonografisch für den...
Die russische Seele ist ein schwarzes Loch. Und zwar eines ohne Boden. Ob Wodka, Rubel oder Moral – alles versickert auf Nimmerwiedersehen. In Stuttgart sind es genau genommen gleich zwei schwarze Löcher, gebildet von den Augenhöhlen eines riesigen Schädels, der in der Bühnenmitte thront. Dieser Schädel, militärisch behelmt und mit Schutzbrille, ist Spielort und...
Zum Schluss steht er in einer dreckigen, gelb schimmernden, post-apokalyptischen Trümmerlandschaft. Der Badearzt Dr. Stockmann (Bernd Hölscher) stapft ganz alleine durch das giftige dunkle Wasser und kriecht schließlich wie ein Stück Sondermüll unter eine der in der Brühe treibenden Wasserkisten. Seine Familie ist da längst nur noch eine Erinnerung. Ganz hinten...
