Selbst und Selbste

Hannover Ballhof, Cumberlandsche Galerie: Hermann Hesse «Demian», Alexandra Badea «Zersplittert»

Theater heute - Logo

Da steht die Familie, so heilig und rein, sanft summend, klingend, harmonisch und schön. Nur Emil passt nicht mehr richtig hinein. Der religiös erzogene Sohn (Mathias Spaan) hat düstere Gedanken, die so gar nicht zum heilen Familienschein passen wollen. Auf der Ballhof-Bühne lässt er uns daran teilhaben. Ein umgekehrtes Bühnen-Portal hat die Regisseurin Barbara Bürk aufbauen lassen. Emil steht am Inspizienten-Pult neben dem Vorhang, von hier leitet er die Erzählung seines eigenen Lebens.

Hinter dem Vorhang ist wahlweise ein riesiger Zuschauersaal zu sehen, aus dessen erster Reihe Vater, Mutter und Schwester fassungslos auf das gucken, was aus ihrem Sohn geworden ist. Der erliegt zunehmend der Gedankenwelt des neuen Mitschülers Demian (Philippe Goos), der nicht zufällig genauso aussieht wie er selbst. Demian repräsentiert schon in der leicht durchschaubaren Hesse-Vorlage die verdrängten Triebe, die angeblich dunkle Seite von Emils Selbst.

 

Der versucht in Bildern wie aus einem Traum, seine Identität zu finden. Immer mehr Vorhänge gehen hinter dem Bühnenportal auf, der Sprung ins eigene Leben wird zu einem Sprung aus dem Familien-Theater, das keinen Raum lässt für die Entdeckung der ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute August/September 2016
Rubrik: Chronik, Seite 66
von Alexander Kohlmann

Weitere Beiträge
Im leuchtend schwarzen Frack

Ganz ehrlich, vor vier Jahren hätte ich nicht unbedingt darauf gewettet, dass der blauäugige Junge mit dem verstrubbelten Blondschopf, der da mit Charme und Chuzpe zum ersten Mal in einer Hauptrolle über die Bühne des Münchner Residenztheaters hechtete, schon bald als Ausnahmespieler von sich reden machen würde. Gefeiert wurde er schon damals von seinem...

Kulturpolitik: Grundsatzfragen

Schluss. Aus. Ende. Am 19. Juni ein letzter «Liebestrank», seitdem ist es still im Großen Haus des Theaters Augsburg. Der Grund für die vorzeitige Schließung: Untersuchungen zur geplanten Sanierung förderten bisher unbekannte massive Mängel beim Brandschutz zu Tage. Für Intendantin Juliane Votteler und ihr Team bedeutet das, überstürzt nach Ausweichspielstätten zu...

Selfie mit Schwermütigem

Ein schmaler Junge eilt entschlossen einer ungewissen Zukunft entgegen. Sein Ziel liegt in Finsternis, unerreichbar womöglich, aber was stört das einen, der die Lederjacke so offen und die Mundwinkel so rebellisch verschlossen trägt. Dass er seinem Gestus der Siebenmeilen-Slowmotion zum Trotz auf der Großen Bühne des Theaters Basel praktisch auf der Stelle...