Sehnsucht nach terra incognita

Die asiatischen Inszenierungen des Festivals Theaterformen setzen sich mit der kolonialen Vergangenheit auseinander

Theater heute - Logo

Normal Theatre Is Boring» steht auf dem Pappschild, das eine Performerin mit grellbuntem Rock und strammen Zöpfen ins Publikum streckt. Nein, langweilig ist dieser Theaterabend keineswegs: Die Zuschauer hocken auf plastikbezogenen Kissen am Boden, sie tragen Regenponchos und Ohrstöpsel gegen die künstlerischen Zumutungen von Toco Nikaido und ihrer Gruppe Miss Revolutionary Idol Berserker.

Dreißig Performer in grandiosen Kostümen – Lichterkettenkorsett inklusive – exerzieren zu überlauten Popsamples die komplexen Choreografien des Otagei, mit denen Popfans bei Konzerten ihren Stars huldigen. 

 

Nur dass hier das Publikum zum Objekt eines ziemlich irren Huldigungsrituals wird, bei dem es mit Japan-Klischees buchstäblich beworfen wird, mit Tofu nämlich und mit Seetang, und mit diversen Flüssigkeiten begossen. Auf allen drei Wänden löst sich der Bühnenraum durch flächendeckende Projektionen im Virtuellen auf, Songzeilen flattern vorüber und zähnefletschende, großäugige Mangamädchen vor grellbunten Neonfarbverläufen. Und mit den nackten Füßen im Fischsud hockend fragt man sich, wie man diesem manischen vierzigminütigen Event beikommen soll, diesem Wahrnehmungsoverkill, der Konsum- und ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute August/September 2016
Rubrik: Festivals, Seite 42
von Esther Boldt

Weitere Beiträge
Gespenster der Vergangenheit

Patricia Benecke In Ihrem Stück «Drei Winter» ist Tochter Alicia, wie Sie 2003, von Zagreb nach London gezogen. Wie ist das Immigrantenleben in London? Haben Sie nach inzwischen 13 Jahren das Gefühl, ganz ange­kommen zu sein?
Tena Stivicic Das Außenseiter-Gefühl wird wohl nie ganz verschwinden. Daran bin ich zum Teil selber schuld (lacht), aber die britische...

Selfie mit Schwermütigem

Ein schmaler Junge eilt entschlossen einer ungewissen Zukunft entgegen. Sein Ziel liegt in Finsternis, unerreichbar womöglich, aber was stört das einen, der die Lederjacke so offen und die Mundwinkel so rebellisch verschlossen trägt. Dass er seinem Gestus der Siebenmeilen-Slowmotion zum Trotz auf der Großen Bühne des Theaters Basel praktisch auf der Stelle...

Was hat das mit mir zu tun?

Oliver Frljic ist ein zorniger Mann. Der Intendant des kroatischen Nationaltheaters in Rijeka hat keine Scheu, auf dem Theater unpopuläre Positionen zu beziehen: In «Aleksandra Zec» zum Beispiel thematisiert er die im postjugoslawischen Kroatien schnell verdrängten Greuel­taten an den Serben (hier: an einem 12-jährigen Mädchen und ihren Eltern); er kassiert für...