Schwester Courage
Die junge Frau mit der roten Strickjacke stößt einen tiefen, wunden, würgenden Schrei aus. Es ist der Moment, in dem sie begreift, dass sie sterben wird: Nicht irgendwann später, wie jeder Mensch glaubt, nicht frühestens 99 Tage nach dem Gerichtsurteil, wie morgens Zellengenossin Else versprochen hat, sondern noch heute, gleich. So will es das Nazi-Regime, das an Sophie Scholl, ihrem Bruder Hans und Christoph Probst, dem jungen Vater dreier Kinder, ein niederträchtiges Exempel statuiert.
Spätestens nach diesem Schrei, den Julia Jentsch in der Filmrolle der Sophie hervorstößt, hebt im abgeklärten Publikum der Pressevorführung ein heftiges Schneuzen und Nasehochziehen an. Es schwillt an, wenn Sophie ein letztes Mal ihre alten Eltern sieht («Ich bin stolz auf euch», stammelt der Vater, «Denk an Jesus», bittet die Mutter), der Pfarrer segnend die Hand über ihren braunen Seitenscheitel hebt und sie schließlich Freund Christoph (Florian Stetter) und den bis zuletzt wachen, leuchtenden Bruder Hans (Fabian Hinrichs) in die Arme schließt, während ein sattes Streichorchester über dem Trio zusammenseufzt. Dann bleibt die Leinwand schwarz, nur Ton und Tränen laufen noch ein Weilchen weiter. ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Der sonst so coole David Mamet war in seinem Nachruf in der «New York Times» mehr als bewegt. Vor zwanzig Jahren sei er Miller nach einer Vorstellung mit Dustin Hoffman in «Tod eines Handlungsreisenden» begegnet und habe ihm gestanden, die Szene zwischen Biff und Willy sei ihm vorgekommen wie ein Dialog mit seinem Vater. Nicht sehr originell, das Kompliment, und...
Traurig ist Frau Tod, sehr, sehr traurig. Sie macht den Job schon so lange, aber noch nie, sagt sie, noch nie wollte irgendjemand mit ihr ins Bett gehen. Dabei gäbe es doch immerhin Amputiertenpornos. Sogar Amputierte, schließt sie messerscharf, hätten also Sex. Nur sie nicht. Das sei ungerecht. Frau Tod ist ziemlich am Ende. Sie ist die letzte Nummer in der...
Das Ambiente erinnert ernüchternd und nur zart überhöht an die Räumlichkeiten, in denen nicht nur vielerorts beschäftigte Bühnenbildner (hier: Bettina Meyer) vermutlich ihre feudalen Nächte zu verbringen pflegen: In subtilem Braun und Kackgrün gemusterte Auslegeware zieht sich auch noch die halbhohen Wänden hoch, Furnierholz ummantelt die sittsam getrennten...
