Schussfahrt in den Missbrauchs-Abgrund
Vollendeten Lektürespaß, gibt der Kölner Intendant Stefan Bachmann in einem Gespräch mit «Deutschlandfunk Kultur» zu Protokoll, hatte er bei «Schnee Weiß (Die Erfindung der alten Leier)» nicht. «Das Lesen von Jelinek-Stücken hat fast was von Folter», gestand er im Vorfeld seiner Ur-Inszenierung der jüngsten Literaturnobelpreisträgerinnen-Textfläche sympathisch freimütig. «Im stillen Kämmerlein», so Bachmann weiter, führten «diese unendlichen Assoziationsketten» bei ihm zu «großer Frustration und veritablen Wutanfällen.
» Im Probenraum, «zusammen mit Schauspielern», werde das «sofort sehr viel lustvoller und sinnlicher».
Sinnlich, im Sinne von bodenständig (und also konsequent), beginnt auch Bachmanns Inszenierung im Kölner Depot 2. Es ist eine treffsichere Ballermann-Stimmung, in die man hier geworfen wird; nur eben – von wegen «Schnee Weiß» – auf österreichisch-winterlich: Halsbrecherisch und in stilechter Skikleidung, die zu vorgerückter Stunde auch mal unansehnlichen Nackt-Fatsuits weicht, werfen sich die Schauspielerinnen und Schauspieler Simon Kirsch, Lola Klamroth, Peter Knaack, Nikolay Sidorenko und Sabine Waibel eingangs von einem Kunst-Schneehang herunter. Jana ...
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Theater heute Februar 2019
Rubrik: Aufführungen, Seite 6
von Christine Wahl
Roberto Ciulli «Clowns unter Tage» Vögel zwitschern, Mücken sirren: Über der Erde ist die Natur noch intakt in den Ruhrgebiets-Auen. Mit Stühlen und Sonnenschirmen kommen nach und nach die weißgeschminkten Gestalten als elegante Sommerfrischler herein, auf dem Weg zur trügerischen Sonntagsfeier von Wollust und Faulheit. Albert Bork als Bobo liegt in der Sonne und...
Von allen Schreckgestalten ist der Vampir die explizit queerste: sexuell aktiv, effeminiert, hochsensibel, schillernd zwischen Gefahr und Lust. Der Immobilienmakler (Niko Eleftheriadis) in Sivan Ben Yishais «Die tonight, live forever. Oder: Das Prinzip Nosferatu» ist entsprechend die Schrumpfversion des Vampirs. Er hockt in einem Businesshotel, vertickt...
Es ist dunkel. Und kalt. Und muffig. Die Zuschauer werden durch einen Keller gescheucht und sollen sich in das Dasein von Tagelöhnern im Kiel des Jahres 1918 einfühlen, eingezogen zu niedrigsten Arbeiten auf einem Kriegsschiff, Kohlen schippen und so, fürs Vaterland. «Es geht gegen England!», brüllt einer, und das Publikum: «Hurra! Hurra! Hurra!» Aber die...
