Schuldig ohne Beweise
Die auf 10 Uhr angesetzte Verhandlung wird nicht im Basmannij Sud abgehalten, in dem die Voruntersuchung stattfand, sondern im Bezirksgericht Meschtschanskij, ebenfalls nur wenige Gehminuten vom Leningradskaja Hotel und dem «Platz der drei Bahnhöfe» entfernt. Vor dem Einlass werden unsere Personalien aufgenommen. Das neu errichtete Behördenhaus wurde erst kürzlich eröffnet, «uns und Kirill zu Ehren», wie der Dramatiker Valerij Pecheikin ironisch anmerkt; es fände sich derzeit wohl kein zweites ebenso gepflegtes Gerichtsgebäude in Russland.
Im Vestibül wird ein digitaler Info-Screen vom gusseisernen Halbrelief einer überlebensgroßen Justitia im Tsereteli-Stil dominiert. Beide Objekte scheinen nicht der gleichen Epoche anzugehören. Das Spruchband, das das Haupt der Allegorie umschwebt, verkündet auf Latein und Russisch: «Die Wahrheit fürchtet nichts als ihre Verschleierung.»
Im Flur des vierten Stocks drängen sich Vertreter der Intelligenzija wie die Schauspielerin Xenia Rappaport, die auch im Westen vielgelesene Autorin Ludmila Ulitzkaja oder der Komponist Alexander Manozkov, neben ihnen viele junge und sehr junge Menschen. Zunächst wird noch im Flur nach Zeugen gefragt. «Zeugen? – ...
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Streng blickt der junge Tschaikowsky vom großen Poster auf das Bett von Jannik, gespielt im Fatsuit von Alexander Pensel, der sich gerade zu einer Rachmaninov-Suite einen runterholt – natürlich um dann punktgenau von seiner Mutter (Petra Ehlert) dabei gestört zu werden. Jugend ist ein Stahlbad, besonders wenn man gleichzeitig schwul, dick und eben ein Klassik-Nerd...
Das Schauspiel Stuttgart startet neu nach Armin Petras’ vorzeitigem Abgang: Burkhard Kosminski verspricht, dass es rundgehen werde – womit nicht nur die hakelnde Drehbühne gemeint ist. In der ersten Premierenrunde werden u.a. Wajdi Mouawads «Die Vögel» und Clemens Setz’ «Die Abweichungen» ur- und erstaufgeführt.
Mit «Dantons Tod» in Burkina Faso: Das Schauspiel...
Ein führender Politiker, Präsident eines westeuropäischen Landes, gerät in eine Krise. Warum, erfährt man nur in Andeutungen. Jedenfalls hat er den Impuls – sein «Momentum», so der Titel von Lot Vekemans neuem Stück –, der ihn an die Spitze der Macht getrieben hat, verloren. Nur mit Antidepressiva hält er sich am Funktionieren und will zurücktreten. Aber da ist...
