Schreibblockade und Schafott

Jörg Bochow über Brüder Presnjakow «Salmans Kopf»

Theater heute - Logo

Vor fast hundert Jahren – und damit lange vor Artaud – hatte der russische Theateravantgardist Nikolai Jewreinow das Theater mit dem Schafott verglichen. Er träumte von einer Theatralisierung des Lebens und sah in Napoleon den größten Regisseur aller Zeiten. In seinem Kabarett «Der Zerrspiegel» bereitete er dem damaligen Theater sym­bolisch das Schafott, indem er es persiflierte.

Vielleicht haben sich die Brüder Presnjakow, die sich ohnehin in der Linie des Grotesken und Hyperbolischen nach Gogol verorten und damit die Anhänger des gepflegten Theaterpsychologismus in Russland verschreckt haben, von Jewreinow inspirieren lassen für ihr neues Stück «Salmans Kopf». Und sie rühren mit diesem Text an einen Grenzbereich der Kunst: Wie weit können lebende Personen, seien es Politiker oder Künstler, Träger fiktionaler Konstrukte werden, ohne dass man sie selbst umfassend fiktionalisiert?

«Salmans Kopf» benutzt den bereits historisch gewordenen Fall des weltberühmten Schrift­stellers Salman Rushdie. Dessen «Satanische Verse» hatten zu seiner Ächtung durch das iranische Regime geführt, das ein Kopfgeld auf den Autor ausgesetzt hatte. Seitdem lebt Rushdie im Exil, im Verborgenen, geschützt ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Jahrbuch 2012
Rubrik: Die neuen Stücke der Spielzeit, Seite 165
von Jörg Bochow

Weitere Beiträge
Schöne Körper, Katharsis, Musik

Ich war mir nicht ganz sicher, ob es mir gelingen würde, den Bogen von René Pollesch zu Else Lasker-Schüler zu schlagen. Bzw. umgekehrt. Der Gemeinsamkeiten sind wenige. Selbst die Einführung stilisiert exotischer Sehnsuchtsnamen, die es in beider Autoren Werk gibt – Jussuf von Theben, Pablo in der Plusfiliale –, ist jeweils komplett anders gemeint. Vielleicht kann...

Expedition zu den Grundfragen

Die Welt der Eltern ist groß. Es gab die Angst, nicht Herr über das Thema
zu werden. Das Material ver­mehrte sich, wuchs; die elektronischen Notizbücher mit einer unüberschaubaren Zahl an Links schwollen an, die vielen Zettel und Verweise, ausgelegt auf dem Boden, bereit, zu einem Teppich verwoben zu werden, nahmen vie­le, zu viele Quadratmeter ein....

Mode, Mosi und Verzweiflung

München leuchtet! Es ist das be­rühm­te Licht, die­se son­derbare Helligkeit unter dem Alpenhimmel, die alles zum Strahlen bringt und selbst die Fassaden grinsen lässt. Wer durch die Maximilianstraße flaniert, dem blitzen Lichtreflexe aus den Schau­fenstern und Vitrinen auf die Netzhaut, die zum Staunen einladen. Hier feiert sich vor allem die Welt der Mode, fein...