Schiffbruch und Mittelstand
«S» und «C», ein Paar Mitte dreißig, kinderlos. Obwohl bei «C» der Mutterwunsch gelegentlich aufflackert, scheint das Thema aber erledigt. Beide haben Jobs, die nicht erwähnt werden, keine Probleme offenbar. Neubauwohnung, etwas hellhörig. Die Beziehung scheint im Alltag eingerastet, Sex eher selten. Auf dem Nachttisch liegt ein dicker Schmöker. Gelegentlich leicht infantile Rückfälle, man vertreibt sich unter anderem mit Brettspielen den Abend. Gepflegte Langeweile liegt in der Luft. Erstaunlicherweise kein Fernseher im Blickfeld, dafür professionelles Headset.
Homeoffice? Definitiv kein Stück über diskriminierte Minderheiten, sondern tief aus dem mittelsten weißen Mittelstand. Was geht in ihren Köpfen vor?
Nerven kitzeln
Clemens Setz’ «Die Erfindung» fängt gewöhnlich an. Die Nachbarn oben streiten, das Pärchen kann nicht schlafen. Ärger, Vermutungen, Projektionen. Was sind das für Leute, man möchte sie umbringen. Umbringen – aber wie? Ein Wort gibt das andere, keiner will da zurückstehen. Mordmethoden werden erörtert, möglichst heftig, aber bitte nicht «nazi», man ist schließlich zivilisiert. Nicht schon wieder die Motorsäge. Erste Kopfinnenseiten stülpen sich nach außen. Und da ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Juli 2025
Rubrik: Aufführungen, Seite 16
von Franz Wille
Widerstand – ja, nein, vielleicht? Mit Gewalt – nein, ja, ein bisschen? Zum Saisonfinale bittet das Schauspiel Bochum gleich zweimal auf die Barrikaden: Gegen den Irrweg Braunkohle in «Exit Hambi», gegen den Irrweg Krieg in «Gundhi». Wer sich für den Hambacher Wald entscheidet, trifft in der St. Anna Kirche zunächst auf einen fröhlichen Tour-Guide des...
Mit 24 war ich Theaterkritiker und mal sechs Monate lang in einem vierteiligen System gefangen. Ich hatte es mir selbst ausgedacht, auf der Basis einiger Gesangsfragmente aus dem Hölderlin-Sammelband meiner Mutter. Keller – Ebene – Gipfel – Sturz. Und dann wieder Keller. Es war also ein geschlossenes System, kreis- oder bestenfalls spiralförmig. Ich war darin zu...
Lars Rudolph predigt. Das kann dieser Schauspieler: Er ist einnehmend, charismatisch, seine Rede ist dramaturgisch klug. Und gleichzeitig blitzen seine Augen, ist seine Stimme immer kurz davor, ins Zittern zu kippen, sein Charisma könnte auch Wahnsinn andeuten. Ein Prediger also, auf einer echten Kanzel. Rudolph steht in der Immanuelkirche auf der Hamburger Elb...
