Richard Wagner – neuer Schutzheiliger der orthodoxen Kirche
Lieben Sie die Klassik so wie die Russen? Sie, musikalische Italiener, und Sie, ironische Briten? Du, scharfsinniger Gallier, und Du, düsterer Germane?
Die leidenschaftlich-selbstlose und hysterische Klassikerliebe ist in Russland schon längst nicht mehr nur die Hingabe an das Schöne. Es ist die Liebe zu etwas Sakrosanktem, nicht in Frage zu Stellendem, das die gesamte Gesellschaft durchzieht – vom Kindergarten bis zur Kunsthochschule, von der Wäscherei bis zum Kulturministerium.
Selbst eine so mächtige Institution wie die Russisch-Orthodoxe Kirche (ROK) brachte sich zur Verteidigung der Klassik in Stellung. Der Vorsitzende der Informationsabteilung der Synode der ROK, Wladimir Legoida, zum Beispiel, lehnte die «Tannhäuser»-Inszenierung von Timofej Kuljabin kategorisch ab – die er selbstverständlich in bester russischer Tradition nicht einmal gesehen hat. Seine Meinung allerdings darf man faktisch als den offiziellen Standpunkt der ROK ansehen.
Hätte der Missbrauch religiöser Symbole die kirchlichen Oberhäupter erregt, hätte mein empörter Verstand das noch irgendwie verstehen können. Herr Legoida allerdings entrüstet sich über künstlerische Aspekte der Inszenierung: «Fachleute, die ...
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Theater heute August/September 2015
Rubrik: Ausland, Seite 40
von Marina Davydova
Nach 23 Stunden und 45 Minuten stehen alle auf im Saal und heben die Arme. Die Beats sprechen den Befehl aus, und der goldene Wabbelkörper von Dionysos schüttelt auf der Bühne, was er hat, und das ist viel. Als auch noch der Bass droppt, wie man in der Clubmusik den Moment nennt, wenn nach einer Basspause die Tiefen wieder einfahren, ist es um die Menge geschehen....
Das ist eine Geschichte, wie sie der, über den in ihr berichtet wird, selber erdacht haben könnte: Der Spitzel eines diktatorischen Regimes hockt jahrelang in seinem Observationskabuff und registriert jede Bewegung des ihm obskuren Objekts seiner Beobachtungsbegierde. Voller Pflichteifer bekommt er aber gar nicht mit, dass der angebliche Staatsfeind längst...
Die britische Theaterlandschaft ist in Bewegung: In London dankt National-Theatre-Intendant Nicholas Hytner ab und übergibt das hohe Amt an Rufus Norris. In Manchester wird für 25 Millionen Pfund «Home», ein neues Haus für Theater, Film und Bildende Kunst eröffnet. Für diese großen Abschiede und Anfänge schreibt das britische Urgestein Tom Stoppard sein erstes...
