Revolution? Von wegen

Stephan Kimmig entschlackt Gorkis «Kinder der Sonne» am Deutschen Theater Berlin

Theater heute - Logo

Kimmigs Fassung von Gorkis Prä-Revolutionsdrama «Kinder der Sonne», geschrieben 1915 in Festungshaft, ist politisch erfreulich unsentimental. Kimmig lässt dezidiert alle Szenen weg, die bei Gorki auf einen bevorstehenden Aufstand der Unterschicht verweisen. Revolutionskitsch im BE-Stil oder vermeintlich «linkes» Kunstgewerbe-Pathos à la Lösch sind nicht so Kimmigs Ding. Er schaut lieber genau hin. Und entdeckt in Gorkis besserverdienenden Salon-Insassen normalneurotische Akademiker, also uns. Dysfunktionale Paare und mal kindisch, mal leicht hysterisch vor sich hin brabbelnde Autisten.

Das ist ziemlich komisch.

Und je länger man zusieht, ziemlich traurig. Diese Herrschaften zu beseitigen ist keine Revolution wert, sie erledigen sich problemlos selbst. So ausgenüchtert wie die Stückfassung ist die Bühne (Katja Haß): Nichts als ein Labyrinth weißer Metall-Streben. Ziemlich verloren und unbehaust stehen die Insassen in dieser zugigen Leere herum. Den infantilen Nerd Protassow, bei Gorki ein Chemiker, bei Kimmig ein Genforscher, der für den Rest der Welt schon lange nur noch ironisch amüsiertes Desinteresse aufbringt, spielt Ulrich Matthes anrührend komisch. Voll­ends gespenstisch wird ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Mai 2011
Rubrik: Best of … Theatertreffen, Seite 19
von Peter Laudenbach

Weitere Beiträge
Rausch und Renitenz

Es war 1995 bei den Proben zu «Nibelungen – Born Bad». Herbert Fritsch, der den Hagen spielte, hatte sich als Kostüm ein Kettenhemd­röckchen, langes Blondhaar und schwarze Strumpfhosen ausgesucht. Als besonderen Clou bestellte er in der Schlosserei für jeden Auftritt ein immer größeres Schwert, das er schließlich in voller Bühnenbreite über die Szene schleifte. Da...

Für welche Ewigkeit?

Die Haltbarkeit von Tiefkühlkost ist länger als die von jedem neuen deutschen Stück. Das Schlemmer-Schellfisch-Filet oder der Delicatesse-Spinat-Gorgonzola-Auflauf, die man morgens im Supermarkt kauft, lassen sich noch genießen, wenn die Uraufführung vom Abend längst zum Archiveintrag verkommen sein wird. Selbst geistige Lebensmittel, die mit Preisen konserviert...

Stehen und beben

«Ach», Alkmenes Brustseufzer der Enttäuschung, war selten so angebracht: Dieser schlunzige Unterhemdträger soll ihr wahrer Angetrauter Amphitryon (Christoph Hohmann) sein? Und schlimmer noch: Jener ist das gött­liche Double, der bärtig zauselige Mietskasernen-Jupiter im – ach – Unterhemd (Peter Pagel)? Verständlich, dass diese Alkmene (Marianna Linden) den...