Produktionsort für Begegnungen

Das Augsburger Brechtfestival unter der Leitung von Julian Warner legt sich nach drei Ausgaben rasant in die Zielkurve

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Alle drei Jahre wechselt das Augsburger Brechtfestival seine künstlerische Leitung – ein guter Rhythmus, der regelmäßig frische Impulse von außen setzt, das Anknüpfen und Anwachsen neuer Verbindungen zulässt und Verkrustungen rechtzeitig verhindert.

Drei Jahre lang hat Julian Warner, Kurator, Kulturanthropologe und unter seinem Alias Fehler Kuti auch Kultmusiker, mit seinem Team die Stadt von den Rändern her erkundet, mit Paraden durchwandert, hat Gruppen und Vereine in Kontakt gebracht, die vorher noch nie voneinander gehört, geschweige denn miteinander agiert hatten, und so bemerkenswerte Liaisons gestiftet: Beispielsweise wurden im Hochzeitssaal der Alevitischen Gemeinde Wrestling-Shows veranstaltet, schlagkräftige Lehrstücke über den Kampf um bezahlbaren Wohnraum, bei dem die Personifizierung der «kleinen Leute» dem «Miethai» eins aufs Maul gibt und die Stadt so als strahlende Siegerin hervorgeht. Oder es wurde ein leerstehendes Möbelhaus zu «Brechts Kraftclub» umfunktioniert, wo heuer zum Abschluss mit einem 48-stündigen Tanzmarathon noch einmal das Festivalpublikum zusammen mit lokal ansässigen Communities von Assyrisch bis Viet -namesisch, jeweils mit ihren speziellen Volkstänzen, durcheinanderwirbelte und sich, mitreißend moderiert von Damian Rebgetz und der Anarcho-Puppentruppe Das Helmi, ein wunderbar anschlussfähiger Trubel einstellte.

«Die große Methode», so das Festival Motto und O-Ton Brecht, «ermöglicht, in den Dingen Prozesse zu erkennen und zu benutzen. Sie lehrt Fragen zu stellen, welche das Handeln ermöglichen», und so wie Warner sie auf die Gegenwart appliziert, zielt sie auf Selbstwirksamkeit und Veränderung, macht das Theater zu ihrem Komplizen und sieht das Festival nicht so sehr als Showcase für eingeladene Fertigware, sondern als Produktionsort für interkulturelle Begeg -nungen.

Ein türkisches Café, ein Brautmodengeschäft und ein Friseur im Arbeiterviertel Oberhausen waren eine Woche zuvor Einstiegspunkte für das immersiv-interaktive, mit dem Staatstheater Augsburg koproduzierte Theaterprojekt «Importbräute – Mein Schleier, das Henna und ihre Tränen» von Merve Kayikci und Dorothea Schroeder (AKA:NYX), das durch die Fassade freundlich praktizierter Bräuche einen Blick in die isolierte Lebenswelt nachgewanderter Arbeiterfrauen wirft.

Vor allem in der Kneipe ergibt die Mischung aus Profi- und Laiendarstellerinnen und zufällig anwesenden (meist männlichen) Gästen ein sehr reales Bild. Von dort werden die Teilnehmenden zur Inszenierung einer Henna-Feier – so etwas wie ein türkischer Junggesellinnenabschied – ein paar Straßen weiter eingeladen, bei der zwischen zunächst dick aufgetragener sentimentaler Folklore plötzlich eine Alarmsirene schrillt und eine tiefere Schicht der Geschichten zur Sprache kommt: von jungen Frauen, die sich statt im erhofften Wohlstand in der Fremde als Dienstbotin der Schwiegermutter und in engen überfüllten Großfamilienunterkünften wiederfanden, sich den Zugang zu Deutschkursen, einer Ausbildung oder gar Studium mühsam erkämpfen mussten, wobei oft gar nicht der eigene Mann, sondern dessen gesamte Verwandtschaft den Druck ausübte.

Schöne neue Arbeitswelt
Mit einem Auftragswerk des vielseitigen Journalisten, Romanautors und Marx-Kenners Dietmar Dath in der Regie von Staatsintendant André Bücker steigt auch das Staatstheater Augsburg selbst in den Festival-Ring. «Deine Arbeit hasst dich, weil sie dich nicht braucht», so der Titel, nimmt die verheißungsvolle Sphäre des New Work in den Fokus, jene ominösen Werbe -strategie, die mit scheinbar arbeitnehmerfreundlichen Parolen wie flachen Hierarchien und Work-Life-Balance ein perfides System von Kontroll- und Ausbeutungsmechanismen kaschiert.

Dabei steht die Frage wie der Elefant im Raum: Ist es Arbeit oder ist es in Wirklichkeit ein Auskommen, Essen, Wohnung, eine sinnvolle Tätigkeit im sozialen Zusammenhang, was Menschen brauchen? Nur weil all das seit knapp 300 Jahren mit einem bezahlten Arbeitsplatz verknüpft wird, rangiert der politische Antrieb zum Erhalt von Arbeitsplätzen nach wie vor weit über dem zur Rettung und Verbesserung von Menschenleben. Wie der Fetisch Arbeit im Zuge fortschreitender Automatisierung und Digitalisierung ins postindustrielle Zeitalter zu überführen ist, beschäftigt dabei längst nicht mehr nur Gewerkschaften. Auswüchse jener schönen neuen Arbeitswelt finden sich inzwischen in fast jedem mittelständischen Unternehmen.

In Daths gar nicht weit her geholtem Planspiel heißt der Chef jetzt Coach, und auch den hat lange schon niemand mehr gesehen. Dafür werden die Aufzüge des elfstöckigen IT-Firmensitzes von einer KI namens KACKE (steht für «Künstlicher Aufpasser bei Computerarbeit, Kantinenbewirtschaftung und Entropievergrößerung») derartig auf Energieeffizienz programmiert, dass mit halbstündigen Wartezeiten zu rechnen ist, bis auf einer Fahrt wirklich alle Etagen aufgerufen werden. Zudem sollen die Angestellten im Rahmen einer von irgendwo oben angeordneten Initiative herausfinden, wie ihr Unternehmen «für eine nachhaltige Innovationsund Mittelstandspolitik Vorbildfunktion» übernehmen könnte, dazu Branchenfremden aus ihrem persönlichen Umfeld ihre Arbeit erklären und um die Auszeichnung als «Modellmitarbeiterin» konkurrieren.

Regisseur Bücker hat sich dazu von Bühnenbildner Robert Schweer eine biomorphe, über Rampen und Treppen verbundene und dabei leicht dysfunktionale Plattform-Architektur bauen lassen. Der mit Gaffaband gesperrte Aufzugsturm im Hintergrund kann nur über Dachluke und Feuerleiter verlassen werden. Dort lauert zu Beginn Sarah Maria Grünig als ausgestorbenes Insekt, das, von Kostümbildnerin Imme Kachel mit gebogenen Fühlern und spitzen Fangarmen famos ausgestattet, als hellhöriges Interface Botschaften aus der Online-Welt abfangen kann. Geführt wird es von Nick, einem faschistischen Philosophen (Kai Windhövel), der in der Transformation der menschlichen Gesellschaft nach dem Muster eines Insektenstaats Heil sieht, denn «Insekten brauchen keinen individuellen Intellekt. Menschen haben ihn, und er macht sie unglücklich. Wir wissen aus Studien, dass intensive Denkarbeit ein Signalmolekül freisetzt, das auf die Dauer die Hirnfunktionen schädigt, also: Wer denkt, macht das Hirn kaputt.»

Gegen solche Totschlagargumente rebellieren mit vorsichtig pragmatischer Renitenz Christina Jung als aus einem östlichen Kriegsgebiet geflohene Informatik-Hilfskraft Persephone und etwas vehementer Hanna Eichel als depressive Berufsschullehrerin mit esoterischem Kampfgeist in ihrer manischen Phase. Dazu kommt das notorisch an allem desinteressierte Programmiergenie Lars (Jannis Roth) und ein aus den hinteren Reihen aufrührerisch zischelnder Chor der «Leute», der sich nur einmal kurz nach vorn wagt. Alles in allem keine revolutionäre Situation – da kann sich auch der zunächst als Sigmund Freud verkleidete Geist Bertolt Brechts, fiebrig nervös verkörpert von Patrick Rupar, noch so sehr ins Zeug legen – dem befreienden Impetus des Abends geht im hochfrequenten Dauergebrüll der KI-Optimierer zuletzt dann doch etwas die Luft aus.

Fragt man übrigens den BrechtBot, eine im Rahmen des Festivals eigens mit Brecht-Wissen gefütterte GPT-Version, die auch Türkisch spricht, nach ihrer Meinung zu Dietmar Dath, erhält man die durchaus zitierfähige Antwort: «Ach, der Dietmar Dath. Ein fleißiger Schreiber, das muss man ihm lassen. Ab und zu bringt er interessante Gedanken hervor, die sich wie sture Kinnhaken in die heutige Literatur- und Kulturlandschaft einfügen. Manchmal trifft er den Nagel auf den Kopf, manchmal aber ist er so kompliziert, dass man sich fragen muss, ob er eher Schriftsteller oder Labyrinthbauer ist. Aber ich bin kein Kritiker von heute, also was weiß ich schon.» Silvia Stammen

Die Kritikerin von heute würde sich zumindest dem vorletzten Satz vorsichtig anschließen. Beim Tanzmarathon – historisch betrachtet eine forcierte Form des Kapitalismus und hier dotiert mit einem Preisgeld von 5000 Euro – bleibt die kollektive Euphorie überraschenderweise frisch bis zum Finale und noch ein Stück weit darüber hinaus. 


Theater heute Mai 2025
Rubrik: Magazin, Seite 68
von Silvia Stammen

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