Preise des Fortschritts
Ein Sarg. Und ein Grab. Zwei Orte der Begegnung mit den Eltern, zwei Orte der Erforschung ihrer Lebensgeschichten in und für Deutschland (wie so viele Berliner Theaterabende in dieser Saison deutsche Familienbilder zeichnen). Die Gräber sind offen, die Ahnen untot. Ihr Denken, Fühlen und Handeln hat die Nachgeborenen tief geprägt.
Es sind zwei Theaterabende im Berliner Frühling, die sich in diesen Leichenschauen düsterer ausnehmen, als sie eigentlich sind: Am Gorki Theater läuft der lichtdurchflutete, von Härte wie Harmonie kündende Einwanderer-Roman «Unser Deutschlandmärchen» von Din -çer Güçyeter; im Deutschen Theater das Krimi -nalstück aus dem protestantisch kühlen Norden «Schimmelreiter / Hauke Haiens Tod» nach Theodor Storm, Andrea Paluch und Robert Habeck (ja, der grüne Bundeswirtschaftsminister Habeck und Ehemann von Paluch).
Im Gorki steht Taner Sahintürk als Dinçer geduckt am Zinksarg seiner Mutter. «Na, kannste ihn unter der Erde wieder bekochen», murmelt er Mama hinterher und verweist damit auf den Vater, der später kaum weiter eine Rolle spielen wird. Doch jetzt schleicht sich langsam eine Kindheitserinnerung heran: Wie der junge Dinçer einmal diesen Vater durch den ...
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Theater heute Juni 2024
Rubrik: Aufführungen, Seite 14
von Christian Rakow
Hosenrollen gibt es bekanntlich schon bei Shake -speare, wenn etwa Viola sich als ihr Bruder verkleidet und beim Herzog reüssiert («Was ihr wollt») oder Prinzessin Rosalinde verkleidet ihren geliebten Ganymed anschmachtet («Wie es euch gefällt»). Ähnlich gelagert, aber mit moderneren Vorzeichen, ist die Sache bei «Gabriel», das jetzt am Neuen Theater Halle in der...
Wo soll das hin? Wo gehöre ich hin? Zu welcher Stimme? Zu welchem Satz? «Is the microphone on?» Jeder, jede will heutzutage gehört werden. Mit was eigentlich? In «Signal to Noise» knabbert Forced Entertainment an dieser Verbindung von Signal und Geräusch, Sagen und Bedeuten, zerknickt und schreddert sie.
Forced Entertainment, kurz FE, fing 1984 an und wurde berühmt...
Nach ungefähr siebzig Minuten – wir bewegen uns aufs letzte Drittel von Bonn Parks «They Them Okocha» in den Kammerspielen des Schauspiels Frankfurt zu – steht André Meyer allein auf der Bühne und beginnt zu tanzen. Er spielt Noah-Wilhelm, einen von vier Freunden, die sich in dieser Szene am unmittelbaren Übergang von der Spätpubertät zum Erwachsenenalter befinden,...
