Politische Prioritäten
Da sieht man gleich, wo man ist: Weite, sommerhelle Bühne mit einer Reihe freundlicher Bodyguards dezent im Hintergrund; vorne planscht ein renitentes Kind im Pool und wird von einer gefährlich geduldigen Gouvernante bespaßt; rechts posen zwei todchice Frauen, die Dunkle im Chanel-Kostüm, die Blonde auch nicht schlecht. Jetzt müsste noch Jackie Onassis mit einem Martini stilecht um die Ecke biegen, aber seit Ende der Neunziger ist das wirklich große Geld fest in russischer Hand.
Also steht da ein etwas dicklicher, etwas weinerlicher junger Mann mit ungeschickt hochgekrempelten Hosen, der an einem klebrigen Cocktail schlürft und irgendwelchen Liebeskummer frisiert. Offenbar die übliche Fehlbesetzung von Sohn. Gestatten, Prinz Carlos.
Regisseur Roger Vontobel geht Schiller im Dresdner Schauspielhaus nicht übermäßig kompliziert an, aber das ist auch gar nicht nötig, denn «Don Carlos» ist an sich schwierig genug. Schon platzt von links Freund Posa herein, ein hemdsärmeliger NGO-Aktivist mit Schultertasche, der eigentlich gleich einen Haufen Flyer herausziehen müsste, und tatsächlich: die Briefe aus Flandern. Posa trägt zwar Brille, sieht aber viel cooler aus als Carlos, und man merkt ...
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