Oratorium der vergessenen Stimmen
Das 6. Festival Internationale Neue Dramatik an der Schaubühne beginnt in ein paar Tagen, und noch immer gibt es keine Nachricht von Debbie Tucker Green. Kommt sie zur szenischen Lesung ihres neuen Stückes «Stoning Mary» oder kommt sie nicht? Ihr Londoner Verlag weiß es nicht, E-Mails, die Bekannte an Tucker Greens Privatadresse weiterleiten, werden nicht beantwortet.
Wir treffen uns zur ersten Probe. Bevor wir anfangen, wollen die Schauspieler etwas über diese englische Autorin wissen, von der sie noch nie etwas gehört haben.
Ich erzähle, was ich weiß: Tucker Green hat jamaikanische Vorfahren, verweigert jegliche Auskunft über ihr Alter und ihren Wohnort und gibt selten Interviews. Im «Guardian» war ein kleines Foto: eine junge Frau mit schwarzem Kopftuch und Silberohrringen steht vor einer roten Wand und schaut schüchtern oder konzentriert nach unten.
Das erste gemeinsame Lesen ist schwierig. Die Sprache ist fragmentiert, Satzteile fehlen, Wörter werden wiederholt, variiert und ändern ihre Bedeutung. Die Form entspricht dem Gemütszustand der Figuren: wenn man dem Rhythmus der Sprache folgt, kommt man den Figuren auf die Spur und entdeckt, dass sie sich in einem permanenten ...
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Wen wundert es, dass 22 Jahre nach «Die Unvernünftigen sterben aus» das neue Handke-Stück den Titel «Spuren der Verirrten» trägt. Etwas erinnert das Stück an das 15 Jahre zuvor entstandene Schauspiel «Die Stunde da wir nichts voneinander wussten». Damals ein Schauspiel im Wortsinn, denn es ist ein wortloses, also stummes Spiel, in dem ein Platz den Mittelpunkt der...
Wenn Muriel Gerstner ein Bühnenbild entwirft, wird immer ein besonderer Spielraum daraus. Man kann das eine Regel nennen, im Nachhinein.
Aber vorher helfen nur ausgreifende Lektüren und – vielleicht – ein Foto von Freud über dem Sicherungskasten im Atelier: Judith Gerstenberg, bisher Dramaturgin in Basel, begibt sich auf Spurensuche, nicht ohne Fallen.
Vorab die gute Nachricht. Wir befinden uns nicht in einem «Krieg der Kulturen». Jedenfalls nicht in einem zwischen «dem Westen» und «dem Islam». Und wenn wir vom radikalen politischen Islam sprechen, der unter Migranten-Jugendlichen in westlichen Gesellschaften um sich greift, handelt es sich dabei nach wie vor um eine Sache von kleinen Minderheiten unter den...
