Appell an den kunstvollen Blick

Peter Handke: «Spuren der Verirrten»

Theater heute - Logo

Wen wundert es, dass 22 Jahre nach «Die Unvernünftigen sterben aus» das neue Handke-Stück den Titel «Spuren der Verirrten» trägt. Etwas erinnert das Stück an das 15 Jahre zuvor entstandene Schauspiel «Die Stunde da wir nichts voneinander wussten». Damals ein Schauspiel im Wortsinn, denn es ist ein wortloses, also stummes Spiel, in dem ein Platz den Mittelpunkt der Handlung bildet und so zum heimlichen «Main Character» wird. Das Stück erzählt vom Leben und naturgemäß von den Alltäglichkeiten und den wenigen bedeutenden – oder bewussten? – Momenten.

Das Leben, das sich auf einem Platz ereignet, nacherzählen, die vielen kleinen und beiläufigen Augenblicke des Alltags festhalten, das ist die Handlung. Schauspieler hauchen einem erdachten Bühnen-«Platz» Leben ein, den die Wirklichkeit millionenfach bereithält. Doch Handkes Blick auf seinen Kunst-Platz macht jeden x-beliebigen Platz postum und danach zu einem Theaterort, zu einer Inszenierung. Das Theater veredelt, steigert so den Blick auf das Bekannte. Die Welt als Theater, das Theater als Welt begreifen, könnte die lapidare Erkenntnis lauten.
«Die Spuren der Verirrten» wirken zunächst so, als habe Peter Handke sein Thema wieder ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Jahrbuch 2006
Rubrik: Neue Regeln, Seite 145
von Andreas Beck

Vergriffen
Weitere Beiträge
Phänomen Abstieg

1. Abstieg, politisch: Freundliche Übernahme

«Kultur» ist eine Standesorganisation wie die Ärzteschaft oder die Justiz (vgl. hierzu Alexander Kluge: «Korti», in: «Lebensläufe», Stuttgart 1962). Die Angehörigen des Kulturstandes (heute oft irreführend: «Kulturbetriebes») schützen die Ihren. Aber wie? Und wovor? Man begreift sich gern als Opfer, ohne diese Fragen...

Arterhaltung und Seitensprung

Das Jahr 2005 war für Lukas Bärfuss in mancherlei Hinsicht ein bedeutendes Jahr: Er wurde Vater, wurde mit seinem Stück «Der Bus (Das Zeug einer Heiligen)» zum Dramatiker des Jahres gewählt und mit einem früheren, «Die sexuellen Neurosen unserer Eltern», in siebzehn Sprachen übersetzt. Gerade deshalb hat er bei der Arbeit an seinem aktuellen Stück »Die Probe» das...

Regeln des Raums

Wenn Muriel Gerstner ein Bühnenbild entwirft, wird immer ein besonderer Spielraum daraus. Man kann das eine Regel nennen, im Nachhinein.
Aber vorher helfen nur ausgreifende Lektüren und – vielleicht – ein Foto von Freud über dem Sicherungskasten im Atelier: Judith Gerstenberg, bisher Dramaturgin in Basel, begibt sich auf Spurensuche, nicht ohne Fallen.

...