Nichtigkeit und Lebenswut
Liebe Margit, hier ist Carl, ich würde dich so gerne mal wiedersehen und jetzt könnte sich eine Möglichkeit ergeben: in München. Da arbeite ich nämlich zur Zeit an den Kammerspielen und bin sogar bei Tschechows ‹Vaterlosen› auf der Bühne. In diesem Stück warst du ja 1995 in Bochum die Anna Petrowna :-). Ich darf mir zu jeder Vorstellung einen Gast einladen zum Reden, die Vorstellungen im Juni sind am 4., 6., 14., 16., 28. und 29., den Termin kannst du dir aussuchen. Das würde mich so freuen. Dein Carl» Diese Nachricht habe ich am 19. Mai 2023 abgeschickt.
Als ich eine Woche später noch keine Antwort hatte, habe ich mit einem Freund gesprochen, der sie besser kennt als ich. Der sagte mir, Margit gehe es sehr schlecht, sie sei in einem Pflegeheim in Berlin. Margit war ja immer krank und machte da keinen Hehl draus. Sie zeigte ihre Wunden, wie Schlingensief, ja, sie kokettierte mit ihrem scheinbar labilen gesundheitlichen Zustand, war aber zumindest damals im Zweifelsfall bzw. Ernstfall topfit. Am 1. Juni dann die Todesnachricht. «Margit C. ist heute früh in Heide (Norddeutschland) gestorben. Sehr traurig.» Es ist furchtbar, wenn sich Pläne durch Tod erledigen.
Die ...
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Theater heute August-September 2023
Rubrik: Nachruf, Seite 38
von Carl Hegemann
Es ist ein Spiel. Jason (David Kosel) hat zwei Minuten, um zu erraten, welche Gesten er ausführen, welche Gegenstände er benutzen muss, um den großen Preis, eine blaue Glitzer-Nietenjacke – auch bekannt als Goldenes Vlies – zu erhalten. An der Seite sitzt die Familie des Königs Aietes samt Medea (Kriemhild Hamann) im bereits blutbefleckten Shirt. Mit Klatschen...
Am besten hat die Exilerfahrung wohl die aus Uganda geflohene Aktivistin und Lyrikerin Stella Nyanzi auf den Punkt gebracht, in einem ihrer mitreißenden, in Deutschland entstandenen Gedichte: «Exil, das ist ein Ort zum Atmen: ah und uh.» Ein leicht befreiendes Ah und ein leicht schmerzliches Uh. Gemischtes Gefühl also. Im Exil verliebt sich ihre Tochter in...
Tove Ditlevsen war 50 Jahre alt, als die ersten Erinnerungsbände ihrer «Kopenhagen»-Trilogie erschienen. Zehn Jahre später, 1977, nahm sich die dänische Autorin mit einer Überdosis Schlaftabletten das Leben. Schon früher, erzählt sie in Band drei, «Abhängigkeit», haben Medikamente eine fatale Rolle in ihrem Leben gespielt: Nach zwei relativ kurzen Ehen mit dem...
