Nepper, Schlepper, Bauernfänger
Die EinmaligedeutscheTheaterlandschaftumdieunsdieganzeWeltbeneidet ermöglicht in reibungslosem Zusammenspiel mit der Deutschen Bahn einen tollen Inszenierungsvergleich: «König Lear» in je dreieinhalb Stunden in Hamburg und Bremen, in der glitzernden Großstadt und der an Schwarzbrot knabbernden Provinz. Am Ende jeweils qualvoller Tod und langanhaltendes, schauriges Verrecken. Aber wie man an dieses Ende kommt und was es bedeuten soll, darüber besteht in den beiden Hansestädten interessante Uneinigkeit.
Lear ist der große Abgewickelte der Dramenliteratur, der Selbstabwickler, der nichts vom sozialen Abstieg ahnt, den er sich in seinem Größenwahn heraufbeschwört. Er will die Zeitenwende nicht begreifen. Passenderweise beginnt Karin Henkels Bremer «Lear» als Rücktritt des Patriarchen eines Familienbetriebs, eines Knäckebrotfabrikanten vielleicht, den Detlev Greisner angemessen fernseh-sonor spielt. Die ganze Bühnenschräge ist sein riesiger Schreibtisch, hinter dem er auf einem Designersessel thront. Die Bande aus Töchtern, Schwiegersöhnen und dem Berater Gloster (Sebastian Dominik als eine Art Mafia-Familienanwalt) fährt in angespannter Festlaune aus dem Orchestergraben empor. ...
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