Ideendämmerung
Russland lebt nicht nur für sich selbst, sondern für einen Gedanken, und du musst die bemerkenswerte Tatsache zugeben, dass Russland nun beinahe seit einem Jahrhundert nicht nur für sich lebt, sondern ausschließlich für Europa», reibt Werssilow alias Peter Miklusz seiner Geliebten, der extrem russisch aussehenden Gaunerin Alphonsine, unter die Nase.
Der verarmte Adlige und liberale Lebemann, der einst mit einer Dienstmagd ein Kind zeugte, nämlich den «grünen Jungen» Arkadi Dolgoruski, ist nach einer champagnerseligen Nacht neben der französischen Pelzblondine (Tiphaine Raffier) erwacht, einer temperamentvollen Joker-Figur, die souverän zwischen Deutsch und Französisch, Heiner-Müller-Texten, Baudelaire-Gedichten und Bismarck-Beschimpfungen hin- und herwechselt.
Auch der fünfte (und letzte) Dostojewski-Roman, den Frank Castorf diesmal am Schauspiel Köln inszeniert, spinnt einige der Lieblingsmotive des Dichters fort, allen voran den Großantagonismus seiner Zeit: das sich der kapitalistischen Moderne und der Ratio verschreibende Europa auf der einen, das immer noch feudale, tiefreligiöse, unfreie Russland auf der anderen Seite. Zwei Seiten, die ohne einander nicht können: «Allein ...
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Theater heute Januar 2019
Rubrik: Aufführungen, Seite 17
von Eva Behrendt
Sollte man nicht auf die Popularität rechtsextremer Parteien in Deutschland in den Spielplänen der öffentlichen Theater reagieren? Sollte man nicht an Zeit und Umstände des aufkommenden Nationalsozialismus in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts erinnern? Und was wäre dafür geeigneter als beispielsweise eine Bühnenfassung von Luchino Viscontis...
Schon zum achten Mal fand im November das Fast-Forward-Festival statt, gegründet 2011 in Braunschweig und von Intendant Joachim Klement beim Amtsantritt vor einem Jahr an die Elbe mitgenommen. Sieben Jahre lang hatte Barbara Engelhardt das erfolgreiche Festival mit Arbeiten junger europäischer Regisseure kurz nach Abschluss der Ausbildung versorgt, dieses Jahr...
Was wissen wir von dem, was wir erfinden? Was wissen wir über Alexa und Siri, über Sex-Bots und Reborn-Babies, über Pygmalions Venus und Frankensteins Monster? Woher wissen wir, dass sie, mit denen wir so viele Affekte und Wünsche verbinden, denen wir uns so zeitintensiv und zugewandt widmen, selbst keine Gefühle haben, kein Bewusstsein? In seiner Uraufführung...
