München: Mythen sprengen
Noch vor dem geschlossenen Vorhang, hell ist er mit dunkler Rückseite, kniet sie vorn an der Rampe und knallt mit regelmäßig dumpfen Schlägen die Stirn auf den Boden. Antigone, dramatisches Urbild alles Widerständigen gegen die Staatsgewalt, hat aus heutiger Sicht durchaus Potenzial zu einer Kamikaze-Fundamentalistin – besessen von der Vorstellung, Recht zu haben, nicht irgendeines, sondern göttliches. An ihrem Entschluss, den Bruder und Staatsfeind auch gegen menschengemachtes Gesetz zu bestatten, gibt es von Anfang an nichts zu rütteln.
Die eigentlich tragische Figur im mythischen Familiengemetzel ist vielmehr Kreon, der allzu autokratisch das verfluchte Erbe seines Schwagers Ödipus antritt und dafür vom Schicksal pädagogisch korrekt vernichtet wird – historisch gesehen könnte man darin auch ein stolzes Selbstvergewisserungsfanal der Athener Demokratie in ihrem goldenen Zeitalter lesen.
Hans Neuenfels, der mit Sophokles nach 16 Jahren ans Münchner Residenztheater zurückkehrt, hat sich vorgenommen, den Lauf der Tragödie auf mögliche Sollbruchstellen abzuklopfen. «Sprenge den Mythos (…) / Zerfetze die Segel, ändere den Lauf / Deines vorbestimmten Weges», heißt es da in einem ...
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Theater heute Februar 2017
Rubrik: Chronik, Seite 49
von Silvia Stammen
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