Monsterromane auf dem Spielplatz

nach Balzac «Verlorene Illusionen», nach Joyce «Ulysses» am Theater Basel

Theater heute - Logo

Martin Laberenz baut die Kritik an seinen «Verlorenen Illusionen» nach Balzac am Theater Basel gleich in den Text ein. «Das soll nicht so skizzenhaft bleiben», lässt er Julian Anatol Schneider nach der Pause sagen. Bis dahin hat die Inszenierung tatsächlich reichlich skizzenhaft das Leben des Lucien de Rubempré nachgezeichnet, der in Paris Dichter werden will. Und Schneider formuliert auch die Quintessenz des Abends: «Es geht nicht um Kunst oder Ruhm, sondern um Geld, Geld, Geld.

» 

In der Balzacschen Welt zwischen Ancien Régime und Kapitalismus bekommt den Ruhm nicht, wer gute Manuskripte abliefert, sondern wer die richtigen Leute schmiert und die anderen aus der Bahn wirft. Balzac selbst schaffte es nur mit Tausenden Tassen Kaffee, Fortsetzungsromane für Zeitungen zu schreiben, die ihm mehr schlecht als recht ein Auskommen sicherten. Wild und verzweifelt versucht Annika Meiers Lucien, ihren Roman samt Lyrikabend an das Publikum zu versteigern – und scheitert kläglich, aber sehenswert. Viele Illusionen muss dieser Lucien trotzdem nicht verlieren, er schreckt nur kurz davor zurück, erlittenes Unrecht gnadenlos zu rächen. 

Laberenz und sein Dramaturg Kris Merken dampfen das fast ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Februar 2022
Rubrik: Chronik, Seite 46
von Valeria Heintges

Weitere Beiträge
Das dritte Gesicht

«Nichts gehört uns – Unser ist allein die Zeit»

Senecas Satz aus seinen Epistulae morales auf der Traueranzeige der Familie für Günther Rühle ist von für ihn typischer Lakonik und zugleich die treffende Parole für ein unerschöpflich reiches, eine ganze Epoche nicht nur umfassendes, sondern auch überschreitendes Menschenleben. Günther Rühle war auf souveräne Weise...

Sprachlos beredt

Dass vor Beginn der Vorstellung die Stimme von Martin Kušej ertönt, ist derzeit normal. Aber während der Direktor üblicherweise an die Einhaltung der gerade geltenden Schutzmaßnahmen appelliert, hört sich seine Tonbandansprache diesmal etwas anders an. Das Kasino sei ein «shared space», aber kein «safe space», sagt Kušej, wer sich nicht sicher fühle, könne das...

Starke Frauen

Stirbt ein Mensch, geht das Leben weiter. Stirbt die Menschheit, stirbt die Zeit. Das ist die tröstlich-traurige Bilanz eines Doppelprojekts der Regisseurin Laura Linnenbaum im Kleinen Haus des Düsseldorfer Schauspielhauses. Max Porters lyrisch-fantastische Erzählung «Trauer ist ein Ding mit Federn» und Marlen Haushofers Roman «Die Wand» auf der Bühne: erst ein...