Missbrauchte Floskeln
Ein Stück für Musik, nicht mit Musik, nennt sich Händl Klaus’ neuestes Werk «Gabe/Gift». Ein Stück für Sprachmusik. Händl Klaus, der Spezialist für das absichtsvoll Unheimliche unter den gegenwärtigen deutschen Theaterautoren, ist auch ein Sprachtüftler. Er erfindet eine Familiensprache – kein Dialog, ein gemeinsamer Monolog mit verteilten Silben. Eine Replik ist hier keine Antwort, sondern die Fortspinnung eines Satzteils mit umgebogenem oder gegensätzlichem Sinn. Mutter Lore: «Wehr dich» / Sohn Bert: «nicht» / Vater Otto: «da ich dich liebe. Es ist wahr.
» Eine streng sequenzierte Sprachmusik, Klangfarbenmelodie statt propositionaler Mitteilung.
Das ist dennoch keine absolute Musik. Es gibt noch etwas, das bezeichnet wird: Eine Geschichte wird erzählt, aber völlig verrätselt. Eine Kriminalgeschichte mit losen Handlungsfäden. Bedeutungsschwer, bedeutungsleer, polysemantisch. Eine Polizistenfamilie baut einen Kellerraum zum «Erfrischungsraum» um. Dabei werden inzestuöse Verwicklungen und Mordpläne angedeutet, doch alle Konfliktspuren werden sofort wieder verwischt. Der Mann eines zufällig vorbeikommenden Paares entpuppt sich auch als Polizist, sie haben eine Schatzkarte dabei, und ...
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Theater heute Mai 2013
Rubrik: Chronik, Seite 60
von Gerhard Preußer
Hoch die Flaschen! Zu feiern haben sie nichts, zu ertränken einiges. Sie sind noch nicht alt und doch schon ziemlich am Ende. «Total am Arsch», nennen das die einen, am «Perspektivenminimum» die anderen. Ein lausiges Lebensgefühl haben die Polin Dorota Maslowska (Jahrgang 1983) und der Österreicher Ewald Palmetshofer (Jahrgang 1978) ihrer Generation da abgelauscht....
«Willkommen hier auf unsrer Insel, die nur zu ihrem Spaß besteht», begrüßen zwei einheimische Animateure, à la Lady Gaga gekleidet, die europäischen Touristen. Eigentlich hätte die Reise für das zerstrittene Lehrerpaar Karl und Karla (Marietta Meguid und Jens Winterstein) ein Urlaub in sonniger Südseeidylle werden sollen. Doch weit gefehlt: «Kein Shoppingcenter,...
Mit Rolf Michaelis (8. August 1933– 3. April 2013) starb einer der letzten seiner Art: ein echter Feuilletonist. Das heißt: ein Allrounder mit Tiefgang und mit elegantem, leicht lesbarem, nie leicht-fertigem Stil. Er promovierte über Hölderlin, wurde Redakteur im legendären Feuilleton der «Stuttgarter Zeitung» unter Siegfried Melchinger. Gerade mal dreißig, leitete...
