Der Morgen danach
Der wirklich interessante Moment im Leben eines Theatertreffen-Jurors ist der Morgen danach. Die letzte und entscheidende Jurysitzung wird schon aus abstimmungspraktischen Gründen immer komplizierter, je länger sie dauert. Zunächst nominiert man gut mehrheitstechnisch, worauf sich die meisten Stimmberechtigten unkompliziert verständigen können, also die größten gemeinsamen Kandidaten. Die ersten Entscheidungen fallen noch vergleichsweise freundlich und einvernehmlich, aber gegen Ende nimmt der Konsens in der Regel rapide ab. Was umgekehrt bedeutet, dass auch der Schmerzpegel steigt.
Schließlich hat jeder unter den diskutierten Produktionen nicht nur seine Favoriten, sondern auch seine speziellen Schreckgespenster. Wenn dann irgendwann die zehn Entscheidungen gefallen sind, ist meistens auch das Nervenkostüm etwas durchgeschüttelt.
Erst nach ein paar Beruhigungsbieren oder anderen Entspannungsmitteln – beziehungsweise deren Abklingen – zeichnet sich die ganze Tragweite der versammelten Kritik-Kompetenz ab. Was haben wir da eigentlich ausgewählt? Was lässt sich ablesen aus den prägnantesten Eindrücken der Spielzeit? Womit beschäftigen sich die angeblich zentralen Inszenierungen des ...
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Theater heute Mai 2013
Rubrik: Theatertreffen Berlin, Seite 22
von Franz Wille
Das Hehre im Normalmaß
Karin Beiers Kölner «Die Troerinnen» nach Euripides und Jean-Paul Sartre
Zweimal war Karin Beier während ihrer Kölner Intendanz mit eigenen Arbeiten zum Berliner Theatertreffen geladen, mit Ettore Scolas «Die Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen» sowie dem Jelinek-Triptychon. Ihre stark kondensierten «klassischen» Inszenierungen...
Sie knistert verheißungsvoll bei jeder Berührung, braucht Raum – mindestens einen Sitzplatz in der U-Bahn, besser noch eine Ecke im Café –, um sich genüsslich aufzublättern und verströmt das unvergleichliche Aroma von frischem Papier, Druckerschwärze und gut gewürzter Geistesnahrung. Bei den Kindern der Post-Gutenberg-Ära könnte eine derartige Beschreibung bald nur...
Das Gerücht, das Theatertreffen habe sich in den letzten zehn Jahren grundstürzend geöffnet, hält sich hartnäckig. Es habe neuen Inhalten, veränderten Theaterformen oder innovativen ästhetischen Paradigmen den Weg wenn nicht bereitet, so doch geebnet. Stimmt schon, 2002 war zum ersten Mal René Pollesch eingeladen, im selben Jahr hat sich auch Meg Stuart mit ihrer...
