Lasset uns beten
Am Schluss steht Galilei mit geröteten Augen, geschlagen, apathisch. Für die große Selbstanklage, die Brecht dem Sternenforscher, der vor der Inquisition einknickte, in der letzten Fassung des «Leben des Galilei» beigelegt hat, reicht es nicht mehr. Stattdessen schöpft Galilei sein persönliches Bekenntnis aus jener Szene, in der er den kleinen Mönch zur Astronomie bekehrte: «Und das Schlimmste: Was ich weiß, muss ich weitersagen. Wie ein Liebender, wie ein Betrunkener, wie ein Verräter.» Worte eines Getriebenen, der die Droge Wissenschaft in hoher Dosis kostete.
Doch ach, Worte nur. Den Rausch, von dem sie künden, müssen wir an diesem Abend irgendwie verpasst haben.
Vor gut drei Jahren hat Armin Petras mit Dürrenmatts «Besuch der alten Dame» – ebenfalls in Dresden und in Koproduktion mit dem Berliner Maxim Gorki Theater – gezeigt, wie man durch einen konsequent persönlichen Zugriff auch mit Schulklassikern allen Gefahren der
Didaktisierung entgeht. Dürrenmatts Geld-für-Mord-Parabel verwandelte er in einen komplexen Kommentar auf ostdeutsche Biografien im Dunstkreis der Staatssicherheit.
Mit dem von den Rechteinhabern notorisch sakrosankt gehaltenen Brecht war eine vergleichbar ...
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Theater heute Mai 2013
Rubrik: Chronik, Seite 59
von Christian Rakow
Drei Tage dauerte das Theaterspektakel der «Moskauer Prozesse» in den Räumen des Sacharow-Zentrums. Genau in diesem Saal stürmten im Jahre 2003 rechtgläubige Aktivisten die Ausstellung «Vorsicht, Religion!», genau hier öffnete vier Jahre später die Ausstellung «Verbotene Kunst 2006». Und genau hier schauten am dritten Tag der «Moskauer Prozesse» rechtgläubige...
Das Hehre im Normalmaß
Karin Beiers Kölner «Die Troerinnen» nach Euripides und Jean-Paul Sartre
Zweimal war Karin Beier während ihrer Kölner Intendanz mit eigenen Arbeiten zum Berliner Theatertreffen geladen, mit Ettore Scolas «Die Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen» sowie dem Jelinek-Triptychon. Ihre stark kondensierten «klassischen» Inszenierungen...
Er hält es im Kopf nicht aus. Die Bücher, die auf die Bühne (Bartholomäus M. Kleppek) herabregnen und später aus Ophelias Grab hochgeschleudert werden, geben ihm den Rest. Die Stimmen, die in ihm toben (oder als Sports-Geist in weißer Fechter-Montur auftreten und mit ihm einen Robot-Rap ausführen), muss er aus sich raus lachen. Da kann Hamlet – in Kapuzenjacke und...
