Macht in Reinform
Wer ist Anna? Also Anna Sorokin oder Delvey – bei der Frage fängt’s ja schon an. Jene Anna jedenfalls, die sich als Millionenerbin ausgab und vor ein paar Jahren die New Yorker High Society aufmischte. Wie die junge Hochstaplerin Luxushotels, Banken, Freunde und Freundinnen um mindestens 275.000 US-Dollar betrog, war in einem von breitem Medieninteresse begleiteten Prozess zu hören, in Shonda Rhimes’ Netflix-Serie «Inventing Anna» zu sehen und inzwischen auch mehrfach im Theater zu erleben. Nach wie vor offen ist die Frage trotzdem, wer Anna nun ist.
Und spätestens mit der Uraufführung von Christina Ketterings «Glanz» am Jungen Theater Bremerhaven scheint eine andere noch drängender: Wer ist hier eigentlich nicht wenigstens ein bisschen Anna?
In der Inszenierung von Sydney Mikosch liegt der Fokus klar auf dem Miteinander der Figuren: Anna und ihren Weggefährt:innen. Wo die Netflix-Produktion noch mit detektivischem Eifer der Genese ihres Lügengebildes folgt, lässt «Glanz» diese Details im Dunklen und reißt menschlich-subjektive Perspektiven auf. Und das schon räumlich: Das Publikum sitzt, liegt und läuft in Susanne Füllers Bühnenaufbau herum und kreuzt wie zufällig die Wege der ...
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Theater heute Januar 2024
Rubrik: Chronik, Seite 55
von Jan-Paul Koopmann
Damaskus, Beirut, Istanbul, Cos, Athen, Sarajevo, Zagreb, Salzburg, München, Köln»: Adam Abbas, ein schlaksiger junger Lockenkopf, zählt mit rauer Stimme die Stationen seiner Flucht aus Syrien auf. «Mein Zwillingsbruder Jad und ich sind die Jüngsten. Wir sind alleine nach Deutschland geflohen», fährt er fort.
Dass Abbas über seine Flucht als 15-Jähriger nicht mehr...
Cooles Bühnenbild: Hinten hängen drei unterschiedlich große Bildschirme in Bullaugen-Form, durch die man zunächst in Wasserlandschaften mit Fischchen schaut. Später laufen dort auch Recherche-Videos ab. Vorne das Fragment von einem Schiff: bloß der Bug, mit Tisch und Stühlen drauf. Drüber fallen sanft Wasser- und Lichtspiegelungen und eine Menge Bühnennebel....
Im Moment ist die Aufmerksamkeit, die der ukrainischen Kunst in der Welt zuteil wird, in erster Linie politisch motiviert. Es gibt einen großen Vertrauensvorschuss. Tatsächlich aber suchen die meisten von uns nicht nach Mitleid, sondern nach Partnerschaft, Anerkennung des kulturellen Erbes, nach Legitimation und Instrumenten zur Befreiung von der kolonialen...
