Macht in Reinform

Christina Kettering «Glanz» (U) am Stadttheater Bremerhaven

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Wer ist Anna? Also Anna Sorokin oder Delvey – bei der Frage fängt’s ja schon an. Jene Anna jedenfalls, die sich als Millionenerbin ausgab und vor ein paar Jahren die New Yorker High Society aufmischte. Wie die junge Hochstaplerin Luxushotels, Banken, Freunde und Freundinnen um mindestens 275.000 US-Dollar betrog, war in einem von breitem Medieninteresse begleiteten Prozess zu hören, in Shonda Rhimes’ Netflix-Serie «Inventing Anna» zu sehen und inzwischen auch mehrfach im Theater zu erleben. Nach wie vor offen ist die Frage trotzdem, wer Anna nun ist.

Und spätestens mit der Uraufführung von Christina Ketterings «Glanz» am Jungen Theater Bremerhaven scheint eine andere noch drängender: Wer ist hier eigentlich nicht wenigstens ein bisschen Anna?

In der Inszenierung von Sydney Mikosch liegt der Fokus klar auf dem Miteinander der Figuren: Anna und ihren Weggefährt:innen. Wo die Netflix-Produktion noch mit detektivischem Eifer der Genese ihres Lügengebildes folgt, lässt «Glanz» diese Details im Dunklen und reißt menschlich-subjektive Perspektiven auf. Und das schon räumlich: Das Publikum sitzt, liegt und läuft in Susanne Füllers Bühnenaufbau herum und kreuzt wie zufällig die Wege der ...

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Theater heute Januar 2024
Rubrik: Chronik, Seite 55
von Jan-Paul Koopmann

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