Lübeck/Stuttgart: Sex, Drogen, Untote
Von allen Schreckgestalten ist der Vampir die explizit queerste: sexuell aktiv, effeminiert, hochsensibel, schillernd zwischen Gefahr und Lust. Der Immobilienmakler (Niko Eleftheriadis) in Sivan Ben Yishais «Die tonight, live forever. Oder: Das Prinzip Nosferatu» ist entsprechend die Schrumpfversion des Vampirs. Er hockt in einem Businesshotel, vertickt Luxusimmobilien an reiche Provinzler, fürchtet das Perspektivgespräch mit seiner Chefin und sehnt sich nach dem schwulen Nachtleben der Großstadt; den Kontakt zur dunklen Seite nimmt er über eine Dating-App auf.
Die Makler-Geschichte ist die erzählerisch ergiebigste von drei ineinander geschobenen Geschichten in «Die tonight, live forever». Immerhin vollzieht sich hier eine halbwegs nachvollziehbare Handlung, die über das Motiv des an der Grenze zur Dunkelheit wandelnden Maklers auch noch einen Bezug zu Bram Stokers «Dracula» aufweist: Der Protagonist geht entgegen jeder Vernunft auf ein Sexangebot ein, landet in den Katakomben von Paris, nimmt Drogen, hat ungeschützten, blutigen Sex und entdeckt irgendwann, dass sein Spiegelbild verschwunden ist. Sex, Drogen, Untote – angesichts dieser inhaltlichen Wucht kommen die beiden anderen ...
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Theater heute Februar 2019
Rubrik: Chronik, Seite 51
von Falk Schreiber
«Im Jahr 2015 begibt sich eine alte Frau aus Mossul mit ihrer vierjährigen Enkelin auf die Flucht. Sie legt 18.000 Kilometer zurück, vom Irak zum Baltikum, über die sogenannte Balkanroute. Dies ist ihre unglaubliche Geschichte.» Stefano Massini ist gut darin, komplexe Themen auf Boulevardniveau herunterzubrechen – dass seine Protagonistin Haifa quer durch Europa...
Niemand kann so schön schmollen wie Benny Claessens. Wenn sich das Gesicht in den kategorischen Widerspruch eines Kleinkinds verknautscht, die Stimme eine Oktave in die Höhe fährt, der mächtige Körper sich in ein Gebirge aus Trotz verwandelt. Wenn Salome schmollt, dann will er/sie wirklich nicht. Aber warum, das ist hier eine gute Frage.
Ersan Mondtag (Regie und...
In einer Spielzeit, die der Frage «Was heißt spielen?» gewidmet ist, kommt man um Dostojewskij kaum herum. Wer wüsste besser als ein jahrelang Spielsüchtiger, was es heißt, immer wieder am Abgrund zu stehen, alles zu riskieren und zu verlieren bis auf den buchstäblich letzten Heller, ja, sogar das eigene, noch ungeschriebene Werk zum Einsatz zu machen? Bei seinem...
