Lübeck: Ruinen Europas
«Der Sommer war verregnet, zu Weihnachten blühte der Flieder, zu Ostern viel Schnee.» Klimawandel. Feriengäste haben keine Freude im Hotel «Zur schönen Aussicht». Der Hotelname allerdings ist ohnehin mit Vorsicht zu genießen: Als Ödön von Horváth seine Komödie «Zur schönen Aussicht» 1926 schrieb, ging die Aussicht auf den aufziehenden Faschismus. In Friederike Harmstorfs Inszenierung am Theater Lübeck schaut man über eine schmucklose Rampe auf eine imposante Felswand, auf der sich das Mosaik eines zerfallenden Europas abzeichnet (Bühne: Lina O. Nguyen).
Dieser historische Blick kommt nicht von ungefähr: Die Lübecker «Schöne Aussicht» feierte Premiere am 31. Januar, dem Tag, an dem sich das Vereinigte Königreich aus der EU löste. «Europa …» stammelt Hoteldirektor Strasser (Jan Byl) einmal ratlos angesichts dieser Perspektive. Keine Hoffnung: Europa liegt in Ruinen.
Harmstorf hat Horváths Vorlage beherzt auf 80 Minuten Spieldauer gekürzt und dabei sachte aktualisiert. Der Handlungsrahmen vom heruntergekommenen Hotel, in dem sich Verlierer, Kriminelle und Halbwelt breitgemacht haben, bleibt bestehen, der politische Bezug aber ist verloren. Dass Hoteldirektor Strasser, Chauffeur Karl ...
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