Leipzig: Auf Bartlebys Spuren

Bertolt Brecht «Baal»

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Es ist kalt und hermetisch in jenem «Baal», den Nuran David Calis zum Ende der Spielzeit im Leipziger Schauspielhaus präsentiert. Auf die Bühne hat Irina Schicketanz einen großen, weiß gekachelten Raum irgendwo zwischen Großraumtoilette und Gummizelle gestellt, in dem Sebastian Tessenow als Baal sein getriebenes Unwesen Revue passieren lässt. Calis spielt die erste Fassung des Dramas – komplett und ungekürzt. Schon dies ein kleines Politikum angesichts des Blätterwaldrauschens rund um Frank Castorfs Theatertreffen-«Baal».

Denn ungekürzt, das ist natürlich das maximale Zugeständnis an die tyrannisch agierenden Brecht-Erben und ihre Vollzugsgehilfen beim Suhrkamp-Verlag, zugleich aber ist das Beharren auf der ersten Fassung, die Brecht selbst verworfen hat, das genaue Gegenteil. Zudem wird hier an historischem Ort gespielt. 1919 sorgte in Leipzig die Uraufführung der zweiten Fassung für einen leidlichen Skandal, und so kann die Inszenierung auch als Beitrag zum aktuell eher bieder verlaufenden 1000-jährigen Stadtjubiläum gelesen werden.

2015 also sitzt Baal in einer gefliesten Gummizelle. Es beginnt ein knapp zweistündiges Puppenspiel, wobei die Puppen von neun Mitgliedern des ...

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Theater heute August/September 2015
Rubrik: Chronik, Seite 59
von Torben Ibs

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