Last Exit Religion
Im Anfang ist da nur dieses eine Wort. Klingt natürlich im Englischen viel charmanter, und noch charmanter klingt es, wenn es aus dem Munde eines echten Gentleman herausströmt wie ein Stück Sahnecremetorte.
Und genau so ist auch der Auftritt von Sir Henry zu Beginn von «Howl» in der Volksbühne Berlin: Im eleganten Anzug, auf dem Haupt einen schicken schwarzen Hut, erscheint der Mann mit der Ledertasche hinten vorm Bühnenhalbrund, stolziert dann durch das ganze Gerümpel und halbfertige Betonzeug, das Christian Friedlaender dort abgestellt hat, hindurch zur Rampe und hat dabei nur das eine Wort auf den Lippen: «Holy, Holy, Holy.»
Man muss, während Sir Henry mit gespielter Noblesse frei nach Spinoza sein Mantra von der Heiligkeit aller Dinge auf Erden vollführt, unweigerlich an seine zeitgenössische säkulare Widerlegung denken: Nichts ist heilig. Und noch einen Schritt weiter vielleicht an einen Satz des polnischen Philosophen Leszek Kolakowski: «Falls Gott nicht existiert, ist alles erlaubt.» Die Postmoderne hat daraus jenes berühmt-berüchtigte «anything goes» destilliert, das den Menschen der nachfolgenden Generation (die flüchtige Spätmoderne) nach wie vor in Verzweiflung ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Januar 2020
Rubrik: Tanz- und Musiktheater, Seite 38
von Jürgen Otten
Es gab Zeiten, da konnte man den Eindruck gewinnen, Festivals kreieren, losgelöst von lokaler Verortung, ein sich vorwiegend aus Eigenblut speisendes System international zirkulierender Großproduktionen, deren gemeinsamer Nenner vor allem in ihrer möglichst voraussetzungslosen universalen Rezipierbarkeit liegt. Beim Münchner Spielart Festival, und nicht nur dort,...
Man sitzt auf rotem Samt im Cuvilliéstheater, feinstes Rokoko aus dem 18. Jahrhundert, vorrevolutionär versteht sich, als Fürsten die Kunst gern noch zum Spiegel ihrer Herrlichkeit erklärten. Auf der Bühne vorn an der Rampe aufgereiht vier rote Polsterstühle wie in den Logen, dahinter schwebt eine dunkle Wand, mindestens fünf mal fünf Meter, aus...
«Alles kommt vom Bergwerk her», ein Satz, wie man ihn in Stücken des sozialistischen Realismus oder vielleicht bei naturalistischen Autoren des 19. Jahrhunderts vermuten würde. Hier aber bildet er den Kern des Gewinnerstücks des Kleist-Preises 2019, uraufgeführt am Staatstheater Cottbus. Entsprechend geht es in «Warten auf Sturm» auch nicht um schwarz-staubige...
