Last Exit Religion

David Marton vertont Allen Ginsbergs Gedicht «Howl» in der Berliner Volksbühne als ein Stück über falsches Begehren und leise Hoffnung(en)

Im Anfang ist da nur dieses eine Wort. Klingt natürlich im Englischen viel charmanter, und noch charmanter klingt es, wenn es aus dem Munde eines echten Gentleman herausströmt wie ein Stück Sahnecremetorte.

Und genau so ist auch der Auftritt von Sir Henry zu Beginn von «Howl» in der Volksbühne Berlin: Im eleganten Anzug, auf dem Haupt einen schicken schwarzen Hut, erscheint der Mann mit der Ledertasche hinten vorm Bühnenhalbrund, stolziert dann durch das ganze Gerümpel und halbfertige Betonzeug, das Christian Friedlaender dort abgestellt hat, hindurch zur Rampe und hat dabei nur das eine Wort auf den Lippen: «Holy, Holy, Holy.» 

Man muss, während Sir Henry mit gespielter Noblesse frei nach Spinoza sein Mantra von der Heiligkeit aller Dinge auf Erden vollführt, unweigerlich an seine zeitgenössische säkulare Widerlegung denken: Nichts ist heilig. Und noch einen Schritt weiter vielleicht an einen Satz des polni­schen Philosophen Leszek Kolakowski: «Falls Gott nicht existiert, ist alles erlaubt.» Die Postmoderne hat daraus jenes berühmt-berüchtigte «anything goes» destilliert, das den Menschen der nachfolgenden Generation (die flüchtige Spätmoderne) nach wie vor in Verzweiflung ...

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Theater heute Januar 2020
Rubrik: Tanz- und Musiktheater, Seite 38
von Jürgen Otten