«Kritiker sein, ist ein bisschen wie Student sein»

Michael Billington ist eine Institution in der britischen Theaterlandschaft. Nach fast 50 Jahren und rund 10.000 Rezensionen im «Guardian», einer der wichtigsten englischen Tageszeitungen, hat er sich kurz vor seinem achtzigsten Geburtstag aus dem hektischen Tagesgeschäft zurückgezogen. Während seiner Dienstzeit hat jede neue Produktion der «Billington-Kritik» entgegen­gefiebert wie keiner anderen. Tom Stoppard sagt, der Name «Billington» sei wie eine Qualitätsmarke, vier Sterne von ihm seien Erleichterung und Segen, Peter Brook bescheinigt ihm «Augen wie ein Scanner, Ohren wie ein Komponist … eine messerscharfe Intelligenz, ein großes Herz». Ein Gespräch

Patricia Benecke Wie hat’s bei Ihnen angefangen, was ist Ihre erste Theatererinnerung?

 

Michael Billington Meine erste wichtige Erinnerung ist, wie meine Eltern mich 1948 zu Shakespeares «Troilus und Cressida» in Stratford-upon-Avon mitgenommen haben. Eine kuriose Entscheidung, denn ich war erst acht Jahre alt und in dem Stück, einer Art zynischer «Ilias», geht es um entwertetes Heldentum, sexuellen Verrat und körperliche Korruption.

Aber ich war vollkommen gebannt von der epischen Weite des Stücks, von der Sprache und von den Schauspielern: Paul Scofield, damals noch nicht berühmt, spielte Troilus. In unserer kargen Nachkriegswelt ließ dieses Stück das Theater reicher als unseren Alltag scheinen. Das war der Start meiner langen Liebe zu Shakespeare. Und weil wir nur acht Meilen von Stratford entfernt wohnten, konnte ich diese Leidenschaft richtig ausleben. In den 1950er Jahren habe ich so ziemlich alles gesehen, was in Stratford lief, mit Schauspielern wie Laurence Olivier, Michael Redgrave, Peggy Ashcroft und Edith Evans.


Benecke Während Sie in Oxford Anglistik studierten, haben Sie sich auch als Schauspieler und Regisseur versucht.

 

Billington In meiner Studienzeit, 1958 ...

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Theater heute Juli 2020
Rubrik: Theaterkritik, Seite 42
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